schoenberg.at

Thursday, Apr 24th

Last update:12:18:53 PM GMT

Presto für Streichquartett (C-Dur)

E-Mail Drucken PDF

        

AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 7 Min.

ENTSTEHUNGSZEIT: um 1895

ERSTAUFFÜHRUNG: unbekannt

ERSTDRUCK: Arnold Schönberg, Sämtliche Werke, Abteilung VI, Reihe A, Bd. 20, hrsg. v. Christian Martin Schmidt, Mainz-Wien 1987.

NOTENMATERIAL: Belmont Music Publishers (USA, Canada, Mexico): Bel 1069


Arnold Schönbergs Werdegang als Komponist dürfte während dem Violinunterricht seinen Anfang genommen haben: »Als Kind von weniger als neun Jahren hatte ich begonnen, kleine und später größere Stücke für zwei Geigen zu schreiben, indem ich die Musik imitierte, die ich mit meinem Lehrer und einem Vetter spielte. Als ich die Duette von Viotti, Pleyel und anderen spielen konnte, imitierte ich deren Stil. So lernte ich zu komponieren in dem Maße, in dem ich Violine spielen lernte.« In seiner Jugend entstanden vor allem Lieder und kleiner besetzte Instrumentalwerke, wohl auch angeregt durch die rege Kammermusikpraxis mit Freunden. Als er einen Klassenkameraden fand, der Bratsche spielte, wurde die Duo-Besetzung zum Trio erweitert. Mit dem Geld, das Schönberg sich durch Deutschunterricht verdient hatte, besorgte er sich Beethovenpartituren: »[...] es waren die dritte und die vierte Sinfonie, zwei der Razumovsky-Quartette und die große Fuge für Streichquartett, op. 133. Von da an besaß ich das Verlangen, Streichquartette zu schreiben.« Entscheidend war die Begegnung mit dem Violinisten und späteren Arzt Oskar Adler, Schönbergs Freund aus der Realschulzeit, der diesem nicht nur erste Grundlagen in Harmonielehre und Gehörbildung vermittelte, sondern mit dem zusammen er im Freundeskreis auch die Klassiker der Streichquartettliteratur bis zum 19. Jahrhundert spielte. Schönberg erinnerte sich später lebhaft an jene Zeit: »Wir wollten Quartette von Mozart und Beethoven spielen, also besorgte Adler eine größere Bratsche, die mit Zithersaiten versehen war, auf denen sich Tonhöhen und -umfang eines Cellos erzeugen ließen. Dieses Instrument sollte ich spielen, was ich auch tat, indem ich, da ich es nicht besser wußte, den Fingersatz der Bratsche benutzte. Bald darauf erwarb ich ein Cello, und auch dieses spielte ich mit dem gleichen Fingersatz, mit dem ich Geige, Bratsche und auch das (von mir sogenannte) Violoncello gespielt hatte. Das ging so eine ganze Weile fort, bis Adler von einem wirklichen Cellisten gehört hatte, daß der Fingersatz auf dem Cello anders sei.« Auch im Gedächtnis Adlers sind diese Quartettspiele lebendig geblieben, wie er 1948 berichtete: »Oft denke ich an die Zeit zurück, da wir zusammen Quartett spielten, in dem Dienstbotenkammerl in der Augartenstraße am Sonntagnachmittag, und an die anschließenden Spaziergänge im Prater mit philosophischen Gesprächen [...]« In zahlreichen Quartett-Projekten erprobte Schönberg fortan sein kompositorisches Können, bis er 1897 ein Streichquartett in D-Dur abschloß, seine erste erhaltene Komposition größeren Umfangs.
»Die vier Streichquartette, die ich veröffentlicht habe, hatten mindestens fünf oder sechs Vorläufer. Die Gewohnheit, so viele Streichquartette zu schreiben, war nach und nach entstanden.« Einer dieser ersten Vorläufer ist das Presto in C-Dur für Streichquartett, welches sich im Nachlass von Arnold Schönberg befindet. Stilistisch ist das undatierte Werk in den Zeitraum um 1895 einzuordnen, es zählt damit zu den frühesten bekannten Kompositionen Schönbergs. In der Anlage entspricht das Stück einem Sonatenrondo: ein als Fugato anhebender Refrain alterniert mit längeren Durchführungs¬passagen. Motivische Verknüpfungen bestimmen den Charakter des musikalischen Satzes; nur nach der zweiten Wiederkehr des Refrains kommt es zu einer ausgeprägt melodischen Episode in der ersten Violine. Zwar beginnt auch das Eröffnungsthema mit einer lebendigen Geste, die an Schönbergs damaliges Vorbild Dvořák gemahnt. Die Melodie selbst entwickelt sich jedoch kaum stromlinienförmig weiter, sondern spinnt eine knappe motivische Formulierung zu einem längeren Satz aus. Das relativ allgemein formulierte musikalische Ausgangsmaterial – mit Durchgangstönen ergänzte Dreiklangsbildungen zu punktierten Rhythmen – lässt die Form des Stückes gleich einem natürlichen Prozess aus der motivischen Entwicklung entstehen. Haupt- und Seitenthema stehen in direktem Zusammenhang zueinander und prägen auf diese Weise den gesamten Verlauf des Satzes – Beethoven und Brahms haben als Vorbilder maßgebliches Gewicht gewonnen.

Eike Feß
© Arnold Schönberg Center

Diskographie