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Die Jakobsleiter (nach einer Dichtung des Komponisten) für Soli, Chor und Orchester

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»Ob rechts, ob links, vorwärts oder rückwärts«
   
       
»Ohne zu fragen?«    

      
»Gleichviel! Weiter!«    

       
»Du bist immerhin zufrieden mit dir«
   
       
»Dies Entweder und dies Oder«
   
       
»Gegen seinen und euren Willen«
   
       
»Ich sollte nicht näher, denn ich verliere dabei«
   
       
»Herr, verzeih mir meine Überhebung!«
   
       
»Herr, mein ganzes Leben lang«
   
       
»Nahst du wieder dem Licht?«
   
       
Großes symphonisches Zwischenspiel

AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 45 Min.

TEXT: Arnold Schönberg

ENTSTEHUNGSZEIT: 1915 - 26. Mai 1917 (Libretto), Juni 1917 - 19. September 1917 (Particell, Takte 1-601), 1917-1922

ERSTAUFFÜHRUNG:
12. Januar 1958, Hamburg (Norddeutscher Rundfunk, Dir. Hans Rosbaud, 160 Takte); 16. Juni 1961, Wien, Konzerthaus (Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Dir. Rafael Kubelik); szenische Erstaufführung: 14. August 1968, Santa Fe, New Mexico

ERSTDRUCK:  Belmont Music Publishers, Los Angeles 1974; Universal Edition, Wien 1917 (UE Nr. 6061; 1926, UE Nr. 7731 Text))

NOTENMATERIAL:
Universal Edition UE 17031 A (Partitur); UE 13356 (Studienpartitur); UE 13357 (Klavierauszug); UE 13358 (Chorpartitur)
Belmont Music Publishers (USA. Canada, Mexico): Bel 1009


»Es ist die Möglichkeit, daß ich einsehen muß, nicht mehr in der Lage zu sein, die ‚Jakobsleiter' zu Ende zu komponieren.« Als Arnold Schönberg wenige Wochen vor seinem Tod (Freitag, 13. Juli 1951) in einem Brief an den ehemaligen Schüler Karl Rankl resignativ von der Aufgabe seiner Kompositionspläne zur »Jakobsleiter« spricht, setzt er den Schlußpunkt hinter einen schaffenschronologisch komplexen Werktorso, dessen Ursprung zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahrzehnte zurückliegt.
Die Genesis der »Jakobsleiter« als zentraler Komposition der Schönbergschen »Weltanschauungsmusik« zwischen 1908 (II. Streichquartett op. 10 mit den George-Vertonungen »Litanei« und »Entrückung«) und 1923 (Serenade op. 24 mit dem Sonett aus den »Canzoniere« von Petrarca) als Ästhetik der Grundfragen menschlicher Existenz und der Kunstreligion läßt sich anhand des autographen Werkstattmaterials aus dem Nachlaß des Komponisten sowie einer umfangreichen Korrespondenz innerhalb des Wiener Schüler- und Freundeskreises um Arnold Schönberg weitgehend lückenlos präzisieren: Dem Oratorium vorausgegangen waren Pläne zu einer großangelegten Symphonie für Soli, Chor und Orchester mit der »Jakobsleiter« als letztem Satz - eine konzeptionelle Anknüpfung an Gustav Mahlers 8. Symphonie mit den Implikationen einer von den Fesseln der Tonalität emanzipierten Klangrede. Die Symphonie wiederum ist dem Plan der Vertonung von Honoré de Balzacs Roman »Seraphita« (bzw. des letzten Kapitels »Seraphitas Himmelsfahrt«) rückverbunden, mit dessen Nachdichtung Schönberg ursprünglich die Wiener Ärztin Marie Pappenheim, Librettistin seines Monodrams »Erwartung« op. 17 (1909), beauftragt hatte (»ich will doch lieber Seraphita komponieren, die die Pappenheim für mich jetzt bearbeitet«, Brief an Alexander Zemlinsky vom 21. November 1913). Eine im Jahr zuvor initiierte Zusammenarbeit mit Richard Dehmel an einem Oratorium ließ sich ebensowenig realisieren. Schönberg schrieb den Text schließlich selbst.
Das erste erhaltene Dokument mit Bezug auf den »Jakobsleiter«-Stoff ist ein Brief Schönbergs an seinen Schüler Alban Berg vom Frühjahr 1911, in dem er ihm vom Plan zur Vertonung des Fragments »Jakob ringt« aus August Strindbergs »Legenden« berichtet. In Berlin verdichtete sich in Schönberg allmählich die ursprüngliche Oratoriumsidee zum Konzept eines monumentalen Bühnenwerks. Parallel dazu beschäftigte sich Schönberg mit dem »Drama mit Musik« »Die glückliche Hand« op. 18, welches den Versuch einer Umsetzung psychischer Erlebnisse in ein visuell-szenisch-musikalisches Gesamtkunstwerk darstellt.Der im Kontext einer persönlichen Begegnung von Arnold Schönberg und Richard Dehmel in Hamburg im Herbst 1912 begonnene Briefwechsel mit dem Dichter legt ein beredtes Zeugnis über die Beschäftigung Schönbergs mit dem Oratorium und seinem Wunsch ab, Dehmel als Librettisten zu gewinnen. Richard Dehmel sah sich indes außer Stande, dem Wunsch Schönbergs nach einem neuen Libretto nachzukommen, bot alternativ jedoch einen früher entstandenen Text mit dem Titel »Oratorium natale« (»Schöpfungsfeier«) an. Bedingt durch die Orchestrierung der »Glücklichen Hand« sowie die Komposition der Vier Orchesterlieder op. 22 (darunter »Seraphita« nach Ernest Dowson/Stefan George) mußte der Oratoriumsentwurf bis Ende 1914 beiseite gelegt werden, ehe sich Schönberg dem Projekt mit einem neuen Formkonzept wieder zuwenden konnte: einer (Programm-) Symphonie, die aus den Sätzen »Lebens-wende«, »Lebenslust«, »Schöpfungsfeier« (Richard Dehmel), einem Zwischenspiel und einem Psalm im ersten Teil sowie den Abschnitten »Totentanz der Prinzipien« und »Glauben des Desillusionierten« (mit Bibelzitaten) im zweiten Teil bestehen sollte. In einem ungedruckten Artikel aus Schönbergs Nachlaß findet sich zudem der Hinweis: »I had made plans for a great symphony of [which] the Jakobsleiter should be the last movement. I have sketched many themes, among them one for a scherzo which consisted of all the twelve tones.«
Unmittelbar nach Abschluß der Dichtung »Totentanz der Prinzipien« am 15. Januar 1915 begann Schönberg mit dem Text zur »Jakobsleiter« der im frühen, mit »18/1. 1915« datierten werkgenetischen Stadium die Thematisierung der »Vereinigung nüchtern, skeptischen Realitätsbewußtseins mit dem Glauben« vorsah. Die am 4. Mai 1915 begonnenen musikalischen Skizzen deuten schließlich darauf hin, daß Schönberg bereits zu diesem Zeitpunkt an eine Trennung des Stoffes in eine instrumentale Symphonie und ein Vokalwerk auf den »Jakobsleiter«-Text gedacht hatte. Im Herbst 1915 kehrte Schönberg nach Wien zurück und rückte im Dezember zum k.k. Regiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 ein. Nach der Enthebung vom Militärdienst und der erneuten Beschäftigung mit den Orchesterliedern op. 22 wandte er sich im Frühjahr 1917 wieder dem Text zur »Jakobsleiter« zu, dessen Reinschrift mit 26. Mai 1917 datiert ist. Anton Webern schrieb seinem Lehrer schließlich: »Wie freue ich mich auf die ‚Jakobsleiter.' Wie schnell hast du die Dichtung vollendet. [...] Ich weiß, daß was ich in ihr zu verstehen im Stande sein werde mir alles auf der Welt in neuem Lichte zeigen wird.« (Brief vom 13. Juni)
Nach weiteren musikalischen Skizzen Anfang Juni 1917 nahm Schönberg Korrekturen an der Dichtung vor und setzte am 19. Juni mit dem Particell der nunmehr vom Symphonie-Fragment abgespaltenen Komposition fort. Zu diesem Zeitpunkt dachte er bereits über eine szenische Realisation nach, für die er Adolf Loos als Bühnenbildner gewinnen wollte. Bis zum September 1917 (neben der Datierung weiterer Skizzen mit 19. September findet sich die Eintragung »Einrücken zum Militär« über Gabriels Text »So ist dein Ich gelöscht«) entsteht ein großer Teil des Fragments (Takte 1 - 601) als Erstniederschrift in Particellform: »[Erwin] Stein schrieb mir, daß du sehr viel arbeitest. Daß die Jakobsleiter bis zum ‚Auserwählten' ganz fertig ist. Es kommt mir als ein Wunder vor. Bei diesen Sorgen bist du das im Stande!« (Webern an Schönberg, 12. September 1917) Im Herbst veröffentlichte die Universal Edition den Text der »Jakobsleiter« in zwei Ausgaben (»gew[öhnliche]« und »Büttenausgabe«). Anton Webern berichtete am 5. Oktober: »Nach dem Furchtbaren der letzten Wochen sind mir diese Worte eine Erlösung. [...] Durch dein Werk ist sonnenklar geworden, was das Menschenschicksal ist.« Auch Schönbergs Schwager Alexander Zemlinsky äußerte sich hymnisch über das neue Werk seines ehemaligen Schülers: »Die 2 großen Reden Gabriels im 1. Lesen als das Schönste! Verblüffend für mich auch: die formale Gestaltung: unerhörte Knappheit des Ausdruck[s], dann wieder die Schönheit der Sprache.« (Oktober 1917) Musikalische Skizzen von Anfang Dezember 1917 enthalten den handschriftlichen Randbemerk von Schönbergs erneuter Enthebung vom Militärdienst, die aufgrund dessen schlechter gesundheitlicher Verfassung erfolgt war. Gegenüber Zemlinsky äußerte er sich am 20. Dezember über die Schwierigkeiten, an der Komposition wieder anknüpfen zu können: »Eine solche Unterbrechung ist so unnatürlich, daß ich mich schwer wieder ins Geleise finde.« Weitere Entwürfe entstanden im Januar 1918, ehe die »Jakobsleiter« aufgrund pädagogischer Verpflichtungen an den »Schwarzwald'schen Schulanstalten« für einen längeren Zeitraum beiseite gelegt werden mußte.
Nach einer Lesung des »Jakobsleiter«-Textes beim Verein durch Wilhelm Klitsch griff Schönberg Ende Juni 1921 mit Skizzen zum zweiten Teil den Entwurf wieder auf. Eine intensivere Beschäftigung fand im Frühjahr 1922 statt, als er an Schlußchor, Chor- und Orchesterverteilung arbeitete und mit der Ausbildung neuer Formprinzipien, welche schließlich die »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« markierten, etwa zeitgleich eine neue Epoche der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts einleitete. Inwieweit die vorläufige Zäsur in der Beschäftigung mit dem »Jakobsleiter«-Oratorium (weitere Skizzen datieren mit April sowie Juli 1922) mit dem im Vorjahr stattgefundenen »Mattsee-Ereignis« (einem antisemitischen Pogrom in der Salzburger Sommerfrische, das die Vertreibung jüdischer Gäste - darunter Schönberg - zur Folge hatte) in Verbindung zu bringen ist, muß Spekulation bleiben. Fest steht, daß die durch zeit- und gesellschaftspolitische Zusammenhänge initiierte, forcierte Thematisierung jüdischer Identität die Periode der theosophischen und esoterischen Reflexion auf ästhetischer Ebene beendete und erst nach Schönbergs Weggang aus Österreich im Opus magnum »Moses und Aron« sowie dem zionistischen Drama »Der biblische Weg« eine neue künstlerische Sublimierung erfuhr. Schönberg bekannte indes, den Stoff der »Jakobsleiter« als Gleichnis für das Ringen des modernen Menschen um den Glauben, als Sinnbild einer aktuellen Problematik aufzufassen: »[V]ielleicht war das Ärgste doch die Umstürzung all dessen, woran man früher geglaubt hat. [...] Was ich meine, würde Ihnen am besten meine Dichtung ‚Jakobsleiter' (ein Oratorium) sagen: ich meine – wenn auch ohne alle organisatorischen Fesseln – die Religion. Mir war sie in diesen Jahren meine einzige Stütze – es sei das hier zum erstenmal gesagt.« (Brief an Wassily Kandinsky vom 20. Juli 1922) Als Alexander Zemlinsky Schönberg zu einer Lesung des Librettos beim »Verein für musikalische Privataufführungen« nach Prag einlud, lehnte dieser am 12. Februar 1923 mit der Begründung ab, keine Unterbrechung seiner Arbeit mehr riskieren zu wollen, da es für ihn »(siehe Jakobsleiter) verhängnisvoll sein kann, den Faden zu verlieren«.
Einen vorletzten Versuch unternahm der seit 1933 im amerikanischen Exil lebende Schönberg im Januar 1945, als er bei der Guggenheim Foundation um ein Stipendium zur Fertigstellung von »Jakobsleiter«, »Moses und Aron« und Lehrbüchern ansuchte und die notwendige Arbeitszeit zur Vollendung des Oratoriums mit eineinhalb bis zwei Jahren projektierte. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Als schließlich Hermann Scherchen, der neben seiner Tätigkeit als Dirigent auch den von ihm gegründeten Ars Viva-Verlag in Zürich leitete, mit dem Wunsch nach neuen Kompositionen an Schönberg herantrat, plante dieser zumindest einen Teil aus dem Particell der »Jakobsleiter« in Partiturform zu übertragen, was aufgrund eines fortgeschrittenen Augenleidens nur mehr mühsam zu bewerkstelligen war. Erst nach Schönbergs Tod wurde im Auftrag von dessen Witwe Gertrud durch seinen ehemaligen Schüler Winfried Zillig aus den autographen Quellen eine Partitur hergestellt. Die konzertante Uraufführung des »Jakobsleiter«-Fragments fand am 16. Juni 1961 im Wiener Konzerthaus unter der Leitung von Rafael Kubelik statt, die szenische Erstaufführung am 14. August 1968 in Santa Fe, New Mexico.

Therese Muxeneder
© Wiener Staatsoper


Die Jakobsleiter
Arnold Schoenberg

GABRIEL
Ob rechts, ob links, vorwärts oder rückwärts, bergauf oder bergab -- man hat weiterzugehen, ohne zu fragen, was vor oder hinter einem liegt.
Es soll verborgen sein: ihr durftet, musstet es vergressen, um die Aufgabe zu erfüllen.

CHOR (IN VIELEN GRUPPEN)
Der unerträgliche Druck....!
Die schwere Last....!
Welche schrecklichen Schmerzen....!
Brennende Sehnsucht....!
Heisse Begierden....!
Schein der Erfüllung....!
Trostlose Einsamkeit....!
Zwang der Formeln....!
Vernichtung des Willens....!
Lügen um Glück....!
Mord, Raub, Blut, Wunden....!
Besitz, Schönheit, Genuss....!
Freude am Eitlen, Selbstgefühl....!
Heimliche Stunde, süsses Behagen....!
Heitere Tatkraft und glückliches Wirken....!
Ein Werk steht da, ein Kind kam zur Welt, ein Weib küsst,
ein Mann jauchzt....und wird wieder stumpf....
und sinkt zurück;
und ächzt weiter;
und stirbt,
wird begraben,
vergessen....
------
Ohne zu fragen?

GABRIEL
Gleichviel! Weiter!

CHOR (IN VIELEN GRUPPEN)
Weiter?......Weiter?......Weiter?......
Wohin?......Wohin?......Wohin?......
Wie lange?....Wie lange?....

CHOR (IN DREI GRUPPEN)
Kein Anfang und kein Ende!
Kein Anfang und kein Ende!
Kein Anfang und kein Ende!
Wann hat uns're Liebe begonnen?
Und dann ist uns're Liebe vorbei
Nie endet dieser Kuss!
O herrliches Sonnenlicht!
Nie dich besitzen!
Wie bald und der Herbst welkt die Blätter!
Immer aussen stehn zu müssen!
Mildfreundlicher Mond!
Hunger der Seel!
Hunger des Leibs!
Geschenk grüner Wiesen!
Trügender Schein: mir, order dem Gehassten?
Glück bunter Blumen!
Krankheit und Not!
Grenze der Empfänglichkeit!
Ihr meine, meine blühenden Bäume!
Geteilte Freude, ganzes Leid!
Schande und Spott!
Leid ohne Ende!
Endloser Zweifel!
Lust ohne Ende!

GANZER CHOR
Weiter? Weiter.....?
Wie, es soll wirklich immer so weiter gehn?

DIE GLEICHGÜLTIGEN
Immer weiter; warum nicht?
Einmal sind wir oben, dann wieder unten; jetzt sollen wir wohl
nach rechts, spätter etwas mehr links ----

DIE SANFTERGEBENEN
---- und so nimmt man's auf sich, wie's kommt ----
Ja, ja ----
ja, ja ----
--------
Ja, ja ---- wie's kommt,
so kommt's ----
ja, ja ----
man nimmt's ----
auf sich ----
und trägt's ----
--------
wie's kommt ----
--------
ja -------
--------
ja -------
--------
wie's kommt ----
--------

CHOR
O ---- wie schön lebt sich's doch im Dreck ----
--------
ja -------
--------
ja -------
ja --- ja ---

GABRIEL
Gleichviel! Weiter!
Ah! die Luft ist wieder rein --
Weiter! Keine Pausen! Herbei, ihr, die ihr glaubt, durch Taten näher gekommen zu sein.

EIN BERUFENER
Ich suchte die Schönheit. Alles habe ich ihr geopfert: kein Zweck war mir heilig, kein Mittel eindeutig. Zügellos stürmte ich diesem Ziel zu, ungeprüft habe ich natürliche Bestimmung unterdrückt, unbedenklich allen Sinn der Form untergeordnet. Vielleicht sogar hätte ich so getan, wenn ich dafür hätte leiden müssen. Jedoch ich habe nicht gelitten. Im Gegenteil: mein Leben war von heller Freude erfüllt. Ohne geblendet zu werden, sah ich überall ins Helle. Der Sonne Strahlen lächtelten mir und erwärmten mich, wärmten mich ebenso, wie das warme Leben; zeigten alles rosig und vergoldeten den Schmutz.  Kein Leid konnte an mich heran, keine Bewegung die meinige verändern! Ich sah nur meine Sonne, vernahm nur den Rhythmus der Schönheit!

GABRIEL
Du bist immerhin zufrieden mit dir: dein Götze schenkt dir Erfüllung, eh' du, wie Suchende, die Qualen der Sehnsucht genossen. Abgeschlossenheit -- (eine zu einfache Formel; denn jede Fortsetzung ist Qual) -- hält dich warm. Du Heide hast nichts erschaut.

EIN AUFRÜHRERISCHER
Geboten gehorchen, die bloss das Ohr vernimmt,
doch Trieben taub sich erweisen, die das ganze Wesen erschüttern;
jene, die die Seele entdecken, um sie der Pein zu überlassen,
für gut halten;
diese, die die Seele zu Glücksbegierde entflammen,
und dadurch allein schon Glück schenken,
für bös halten ---
es kann nicht derselbe Gott sein,
der durch Triebe uns den einen,
durch Gebote den andern Weg weist!

Wie höhnt der Gott der Triebe den der Gebote,
indem er die Wölfe,
die besitzen: rauben, stehlen,
falsch Zeugnis reden und ehebrechen, glücklich werden lässt!

Wie machtlos aber zeigt sich der Herr der Gebote,
wenn er seine Schafe der Qual und Verfolgung,
selbstgeschaffener und von Fremden angetaner,
ausliefert!

GABRIEL
Dies Entweder und dies Oder, eins und zwei, wie Kurzsichtigkeit und Anmassung, eins durchs andere bedingt, ebendarum keins: der Hebel deiner Empörung!
Mit offenem Maul zuhören: staunend; aber nicht zum Widerspruch!

EIN RINGENDER
Alter Weisheit, Gesagtem,
Geschriebenem und Selbstgesehenem,
das alles banal mir schien, zutrotz
sucht' ich ahnungslos das Glück.
Als es sich mir versagte, strebt' ich "Schmerzlosigkeit" an
durch Entsagung, was auch misslang.

Eine dunkle Erinnerung vergangener Leiden
befähigt mich gegenwärtige leicht zu ertragen,
drum meint' ich, es sei gleichgültig,
worüber man unglücklich ist.

GABRIEL
Du irrst; je mehr Anlässe imstande sind, dich unglücklich zu machen, je empfindlicher du dich erweist, desto näher bist du.

DER RINGENDE
Nicht deshalb klag' ich; mein Unglück trage ich gern.
Ich weiss, dass ich so alte Schuld tilge.
Doch wie vermeide ich neue?

"Ich weiss die Gebote wohl":
"Du sollst nicht ---!" -- ich habe es nie getan!
"Du sollst---!" -- ich tu es seit jeher!
"Das alles habe ich gehalten von Jugend auf!"
Was ich zu geben hatte -- es war nicht viel,
aber doch mein Bestes -- habe ich stets gegeben.
Genommen habe ich keinem, erworben fast nichts,
Ihm folgte ich nach, so gut ich's vermochte.

Doch in den rätselhaft zwiespält'gen Lagen,
in die mich unausgesetzt mein Schicksal stürzte,
entbehrte ich schmerzlich der Führung des Wortes,
sah mich sinken und unrein werden,
unfähig Recht von Unrecht zu scheiden.

Warum ward uns kein Sinn gegeben,
ungesagte Gesetze zu ahnen,
kein Auge, da zu sehn,
kein Ohr, da zu hören?

GABRIEL
Gegen seinen und euren Willen
ist einer da, euch zu führen.

Tritt näher du, der auf mittlerer Stufe
ein Abbild ist und den Glanz besitzt;
der einem Viel-Höheren ähnlich ist,
wie dem Grundton der ferne Oberton;
während andere, tiefere, selbst fast Grundtöne,
ihm, wie der helle Bergkristall,
fremder sind, als Kohle dem Diamanten!

Tritt näher, dass sie dich sehn!

DER AUSERW°HLTE
Ich sollte nicht näher, denn ich verliere dabei.
Aber ich muss, so scheint es, mitten hinein,
obgleich mein Wort dann unverstanden bleibt.
Ob sie es wollen, ob es mich dazu treibt,
weil sie mir ähneln, mit ihnen verbunden zu sein?

Bin ichs, der ihre Stunde und den Ablauf zeigt,
der Peitsche und Spiegel, Leier und Schwert vereint,
der ihr Herr ist und Diener, ihr Weiser und Narr zugleich?

Glänzt auch im Umkreis Erhabenheit,
so reibt sich doch Schmach an mir;
ich versuche, dem Stoff zu entfliehn:
der Ekel macht es mir leicht,
der Hunger zwingt mich zurück;
wenn ich noch so hoch mich erhebe,
verlier ich sie nie aus dem Aug,
ihr Bestes ist mein, wie ihr °rgstes,
ich raub es, stehle, entwind es,
verachte Erworbnes, Ererbtes,
raffe zusammen, reisse an mich, es zu fassen:
Ein Neues gewiss, ein Höh'res vielleicht vorzubilden.

Sie sind Thema, Variation bin ich.
Doch mich treibt ein andres Motiv.
Treibt einem Ziele mich zu.
Welchem? Ich muss es wissen! Hinüber!
Mein Wort lass ich hier,
müht euch damit!
Meine Form nehm ich mit, sie steh euch indes voran,
bis sie wieder mit neuen Worten -- wieder den alten --
zu neuem Missverständnis in eurer Mitte erscheint.

GABRIEL
Hier hast du Auge und Ohr.
Doch, er ist weit weg, wenn die Wellen euch streifen, die ihn durchwühlten.
Benagt einstweilen das Wort; beides zugleich wirkte verwirrend. Wähle jeder das Teilchen, das er zu wahren vermag. Es ist nicht zu wenig. Denn er ist wunderbar begnadet -- worin er Höchstem ähnelt -- sich in seinem Kleinsten zu offenbaren.
Der Form bleibt ihr fern; sie wird euch später: ihr werdet sie einmal selbst sein; wenn die nächste euch abstösst.
Er muss schaffen, so lange er unrein ist: aus sich heraus schaffen!
Wenn's vorbei, bewegt es ihn nicht mehr.

DER MÖNCH
Herr, verzeih meine Überhebung! Weil mir durch deine Gnade manches gelungen ist, was andern versagt ist, glaubte ich einer zu sein, um dessentwillen du dies Sodom und Gomorra verschontest. Aber ich fürchte, wenn du nochmals zehn Gerechte fordern wirst, werde ich wieder nicht einer davon sein.
Ich habe mir eine Last aufgebürdet, die grösser ist, als ich sie tragen kann. Ich meinte: der Herr will Opfer, denn er ist der Herr. Darum nahm ich sie gerne auf mich, denn es befriedigte meine Eitelkeit, ein guter Diener zu sein. Aber ich trug sie nicht gern; der Wille war zu schwach. Ich weiss, ich habe auf ein Glück verzichtet, das mir unbekannt ist; aber ich fürchte, wenn ich das Glück kennte, hätte ich ihm nicht widerstehen können. So ist mein Opfer vielleicht zwecklos, weil ich es feig vermieden habe, mich der Versuchung auszusetzen.

GABRIEL
Wie du doch schwankst und unsicher bist! Manche, die noch Lust und Leid bewegt, stehen fester als du, den es nur mehr als Begriff anfällt: du prüfst dich allein! Nicht noch, sondern schon unbekannt ist dir derlei.
Und du meinst noch, der Herr verlange dein Opfer? Weisst du nicht, dass du selbst so willst?
Weisst du auch nicht mehr von dem grössern Opfer, das du gebracht hast: du warst reicher, eh' du vollkommener wurdest. Jetzt hast du allen Glanz hingegeben für ein trauriges Wissen: dass du nicht ausreichst!
Erfahre mehr:
Der Sünde wirst du noch oft verfallen, denn Sünden sind Strafen, die reinigen. Jedoch, dass du sie jetzt schon als Sünden erkennst, die Taten, bei denen du dich früher noch für schuldlos hieltest, macht dicht reifer.
Geh; verkünde; und leide; sei Prophet und Märtyrer.

DER STERBENDE (FRAUENSTIMME)
Herr, mein ganzes Leben lang habe ich auf diesen Augenblick gewartet und gehofft, dass die letzte grosse Anstrengung, die nötig ist, es zu verlassen, mir Aufklärung bringen wird. Und jetzt sehe ich nicht viel mehr, als dass mir dieser Augenblick nicht unbekannt ist; dass ich ihn schon öfters durchgemacht haben muss. -- Oder doch mehr: dass es mich schon durch Jahrtausende so treibt; dass ich durch alle Welten gehetzt bin; dass ich tausend Leben überstanden habe -- eines ärger, als das frühere; tausend Tode erlitten -- einen befreiender, als den vorigen.
Tausend Leben! wer von ihnen weiss und sie überblickt, dem sind sie nichts fürchterliches mehr. Fürchterlich ist ein Leben; ein Leid! Ein Schmerz, so gross, dass man nur ihn fühlt.
Wer, wie jetzt ich, tausend Schmerzen fühlt, ist fast schon schmerzfrei. Sie heben ihn, er wird leicht und weiss, dass ihn seine verstorbenen Leben tragen.
Und er fliegt ----
Ich fliege ----
Der seligste Traum erfüllt sich: Fliegen!
Weiter! ---- Weiter! ----
Zum Ziel ------
Oh -------

STIMMEN
Eratme dir Mut und Kraft
zur schwereren Prüfung!
Nahst du wieder dem Licht?
die Flügel zu heilen, die das
Dunkel verbrannt?
Ein Regenbogen auf ihrem
Kleid!
Ist Zeichen der Schuld, weil
der Gnade.
Die Sünden verblassen;
Weiss jedoch gehst du stets
von hier fort!
Die Farben löschen aus...
Raum für neue.......
Schmerzen beflecken;
Durchsichtiges Ohnlicht
Ich kenne deine Leiden und
deine künftigen Sünden.
Zustand der Nähe
leuchtend jedoch ----
will farbensinnlich sich entfernen -------
Tilge die Sinne.......
Nun klagst du nicht mehr;
beginnst zu begreifen,
Bewegung!
Erdenjammer!
was du bald wieder vergessen musst.
Kehrst du wieder, so lasse
die Klage hinter dir.
Tilg den Verstand......
Er muss noch lange wandern!
Löse dich auf!
Wenn du nicht mehr klagst, bist
du nah.
Dann ist dein Ich gelöscht.

GROSSES SYMPHONISCHES ZWISCHENSPIEL
(HIER ENDET DAS ORATORIENFRAGMENT)

Diskographie