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Frühe Lieder nach 1895

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Lied der Schnitterin (Ludwig Pfau) (1895/96)

Wanderlieder (Ottomar Beta) (1895/96)

Mein Herz, das ist ein tiefer Schacht (1895/96) 

Ekloge (Jaroslav Vrchlicky) (1895-97)

Sehnsucht (Josef Christian von Zedlitz) (1896)

Mädchenlied (Emanuel Geibel) (1896)

Mädchenlied (Paul Heyse) (1897)

Waldesnacht (Paul Heyse) (1897)

Nicht doch! (Richard Dehmel) (1897)

Mädchenfrühling (Richard Dehmel) (1897)

Mannesbangen (Richard Dehmel) (1899)

Die Beiden (Hugo von Hofmannsthal) (1899)

Mailied (Johann Wolfgang von Goethe) (1899)

Gruß in die Ferne (Hermann Lingg) (1900)

Deinem Blick mich zu bequemen (Johann Wolfgang von Goethe) (1903)

ERSTDRUCK: Arnold Schönberg, Sämtliche Werke, Abteilung I, Reihe A, Bd. 2, hrsg. v. Christian Martin Schmidt (Vorarbeiten von Ivan Vojtech), Mainz-Wien 1988.

NOTENMATERIAL: Sieben frühe Liede. Faber Music F-932 (Einzelne Lieder)


Lied der Schnitterin

Laß deine Sichel rauschen,
wohl rauschen durch das Korn;
hör auf zu weinen,
hast du dein Lieb verlorn,
laß rauschen!

Die roten und blauen Blumen,
sie rauschen aufs blaue Feld;
und Lust und Liebe rauschen
wohl in die weite Welt,
laß rauschen!

Die Brünnlein und Bächlein rauschen,
bis in das tiefe Meer;
die Wolken und Winde rauschen,
wer weiß wohin und woher,
laß rauschen!

Laß deine Sichel rauschen,
laß rauschen, du armes Kind!
Denn was da blitzt und blühet,
verauschet so im Wind,
laß rauschen!


Mein Herz, das ist ein tiefer Schacht
Mein Herz, das ist ein tiefer Schacht,
drin gräbt die Liebste Tag und Nacht
nach seinen edlen Erzen;
und wie sie pocht auf dem Gestein,
da klingt hervor ein Liedchen klein
jubelnd aus meinem Herzen.

Und Tag und Nacht und Nacht und Tag
führ unbekümmert nur den Schlag,
du Liebste, froh und munter;
ist unerschöpflich doch der Schacht,
meinst du, du hättst ihn leergemacht:
steig tiefer dann hinunter.


Duftreich ist die Erde und die Luft krystallen
Duftreich ist die Erde und die Luft krystallen,
und das Moos erzittert unter deinem Fuß,
aus dem Schilfrohr hör' ich's wie von Pfeifen schallen,
und vom Hagedorn fällt heller Blütengruß.

Und das Aug' von Freude naß,
fragst du: Ja, was soll all das?
„Was?" ruft der Vogel und die Blume spricht:
„Anders kommen doch des Lenzens Wunder nicht!"

Hell dein Blick, dein Atem süß vom Duft der Erlen,
und es bebt dein Busen, wie ich dich umfang';
wie aus hartem Felsen springen Quellenperlen,
bricht aus meinem Herzen glühend der Lieder Drang.

Und das Aug' von Freude naß,
fragst du: Ja, was soll all das?
„Was?" ruft der Vogel und die Blume spricht:
„Anders kommen doch des Lenzens Wunder nicht!"


Sehnsucht
Als mein Auge sie fand,
als mein Herz sie erkannt,
o, wie glühte die Brust von Entzücken,
von Lust!

Wie voll Düfte die Au'!
und der Himmel, wie blau!
und der Wald voll Gesang
und die Lüfte voll Klang!

Ohne sie, wie so kalt,
und die Welt, wie so alt,
und die Erde, wie leer,
und das Herz, ach, - so schwer!


Mädchenlied
In meinem Garten die Nelken
mit ihrem Purpurstern
müssen nun alle verwelken,
denn du bist fern, denn du bist fern.

Auf meinem Herde die Flammen,
die ich so gern bewacht,
sanken in Asche zusammen,
denn du bist fern, denn du bist fern.

Die Welt ist mir verdorben,
mir grüßt nicht Blume noch Stern;
mein Herz ist lange gestorben,
denn du bist fern, denn du bist fern.


Mädchenlied
Sang ein Bettlerpärlein am Schenkentor,
zwei geliebte Lippen an meinem Ohr:
Schenkin, süße Schenkin, kredenz dem Paar,
ihrem Dürsten biete die Labung dar!

Und ich bot sie willig doch der böse Mann
biß mir wund die Lippen und lacht dann:
Ritzt der Gast dem Becher ein Zeichen ein,
heißt's: er ist zueigen nur ihm allein.


Waldesnacht
Waldesnacht, du wunderkühle,
die ich tausend Male grüß',
nach dem lauten Weltgewühle
O wie ist dein Rauschen süß!

Träumerisch die müden Glieder
Berg' ich weich ins Moos,
und mir ist, als würd' ich wieder
all der irren Quellen los.

Fernes Flötenlied, vertöne,
das ein weites Sehnen rührt,
die Gedanken in die schöne,
ach, mißgönnte Ferne führt!

Laß die Waldesnacht mich wiegen,
stillen jede Pein,
und ein seliges Genügen
saug' ich mit den Düften ein.

In den heimlich engen Kreisen
wird dir wohl, du wildes Herz,
und ein Frieden schwebt
mit leisen Flügelschlagen niederwärts.

Singet, holde Vögellieder,
mich in Schlummer sacht!
Irre Qualen, löst euch wieder;
wildes Herz, nun gute Nacht!


Nicht doch!
Mädel, laß das Stricken geh,
tu den Strumpf beiseite heute;
das ist was für alte Leute,
für die jungen blüht der Klee!
Laß, mein Kind; komm, mein Schätzchen!
siehst du nicht, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen...
Laß, mein Kind;
komm, mein Schätzschen! Laß!

Mädel liebes, sieh doch nicht
immer so beiseite heute;
das ist was für alte Leute,
junge sehn sich ins Gesicht!
Komm, mein Kind, sieh doch, Schätzchen:
über uns der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen...
Komm, mein Kind,
sieh doch, Schätzchen, komm!

Siehst du, Mädel, war's nicht nett
so an meiner Seite heute?
Das ist was für junge Leute,
alte gehn allein zu Bette!
Was denn, Kind? weinen, Schätzchen?
Nicht doch sieh, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen...
Was denn, Kind?
weinen, Schätzchen? Nicht doch!


Mädchenlied
Aprilwind;
alle Krospen sind
schon aufgesprossen,
es sprießt der Grund,
und sein Mund
bleibt so verschlossen?

Maisonnenregen;
alle Blumen langen,
stille aufgegangen,
dem lieben Licht.
Fühlt er es nicht?!


Mannesbangen
Du mußt nicht meinen, ich hätte Furcht vor dir.
Nur wenn du mit deinen scheuen Augen Glück begehrst
Und mir mit solchen zuckenden Händen
Wie mit Dolchen durch die Haare fährst,
und mein Kopf liegt an deinen Lenden:
dann, du Sündrin, beb' ich vor dir.


Die Beiden
Sie trug den Becher in der Hand
ihr Kinn und Mund glich seinem Rand
so leicht und sicher war ihr Gang,
kein Tropfen aus dem Glase sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
er saß auf einem jungen Pferde
und mit nachlässiger Geberde
erzwang er, daß es zittern stand.

Und doch, wenn er aus ihrer Hand
den leichten Becher nehmen sollte,
dann war es beiden viel zu schwer:
denn beide zitterten so sehr,
daß dunkler Wein zur Erde floß.


Mailied
Zwischen Weizen und Korn,
zwischen Hecken und Dorn,
zwischen Bäumen und Gras,
wo gehts Liebchen? Sag mir das!

Fand mein Holdchen nicht daheim;
muß mein Holdchen auswärts sein.
Grünt und blühet schon der Mai;
Liebchen ziehet froh und frei.

An dem Felsen beim Fluß,
wo sie reichte den Kuß,
jenen ersten im Gras,
seh ich Etwas! Ist sie das?


Gruß in die Ferne
Dunkelnd über den See
dämmert das Abendrot,
nur die höchsten Gebirge
krönt noch die Glut,
doch es sinkt, düstrer allmählich,
nun auch ihr Bild zu den Schatten.

Dort ach, fern in der Nacht,
dort wo des Himmels Licht hinschwand
unter den Wolken,
dort dich wieder zu sehn, träumt' ich,
und war dir nah, nah im Geiste,
da warf mir über Dornen am Weg
Blüten der Lufthauch zu,
während ich dein gedachte!


Deinem Blick mich zu bequemen
Deinem Blick mich zu bequemen,
deinem Munde, deiner Brust,
deine Stimme zu vernehmen
war die letzt und erste Lust.

Gestern, ach, war sie die letzte,
dann verlosch mir Leucht und Feuer,
jeder Scherz, der mich ergetzte,
wird nun schuldenschwer und teuer.

Eh es Allah nicht gefällt,
uns zu vereinen,
[gibt mir Sonne, Mond und Welt,
nur Gelegenheit zum Weinen.]

Diskographie