ENTSTEHUNGSZEIT: 1903 - 1905 Nr. 1, »Traumleben« (Julius Hart), 18. Dezember 1903 (Ende der Niederschrift der ersten Fassung) Nr. 2, »Alles« (Richard Dehmel), 6. September 1905 (Ende der Niederschrift); Nr. 3, »Mädchenlied« (Paul Remer), 28. Oktober 1905 (Ende der Ersten Niederschrift der ersten Fassung); Nr. 4, »Verlassen« (Hermann Conradi), 19. Dezember 1903 (Ende der Niederschrift der ersten Fassung); Nr. 5, »Ghasel« (Gottfried Keller), 23. Januar 1904 (Anfang der Niederschrift); Nr. 6, »Am Wegrand« (John Henry Mackay), 18. Oktober 1905 (Ende der Ersten Niederschrift); Nr. 7, »Lockung« (Kurt Aram), 26. Oktober 1905 (Ende der Ersten Niederschrift der ersten Fassung); Nr. 8, »Der Wanderer« (Friedrich Nietzsche), 15. Oktober 1905 (Ende der Reinschrift der ersten Fassung)
ERSTAUFFÜHRUNG: 26. Januar 1907, Wien, Ehrbar-Saal (Nr. 1, 3, 5-8; Theo Drill-Oridge, Arthur Preuss, Gesang; Alexander Zemlinsky, Klavier); 14. Januar 1910, Wien, Ehrbar-Saal, (Nr. 4; Martha Winternitz-Dorda, Gesang; Arnold Winternitz, Klavier)
ERSTDRUCK: Verlag Dreililien, Berlin 1907 (Pl. Nr. 601-608)
Die Komposition der Acht Lieder op. 6 erstreckte sich auf Dezember 1903/Januar 1904 (»Verlassen«, »Traumleben«, »Ghasel«) – in unmittelbarer Nähe zu op. 3 Nr. 2 und 5 – sowie September/Oktober 1905. Die Texte zu fünf Liedern aus op. 6 entnahm Schönberg der Anthologie »Neue Lieder der besten neueren Dichter für’s Volk«. Zu Julius Harts verinnerlichtem Gedicht »Traumleben« und dessen Farb- und Stimmungsmomenten fand Schönberg ein Korrelativ in Form einer harmonischen Oszillation zwischen E-Dur und F-Dur, welche nur stellenweise »textmalerisch« vertieft wird, etwa in der Ornamentik der »Nachtigallen«. Die Faktur des Dehmel-Liedes »Alles« wird durch das Intervall der kleinen Sekund als Grundzelle bestimmt: ein Vorgedanke auf das Prinzip, eine charakteristische Intervallfolge als formbildenden Parameter einzusetzen. Trübungen und Ausweichungen der Tonart lassen die Tendenz zum Verlassen des tonalen Pfades As-Dur erkennen. Erscheint der Dreiklang der ersten Stufe in der Grundtonart hier erst im letzten Takt, so ist im siebten Lied aus op. 6, »Lockung«, der Schritt zur ‚schwebenden Tonalität' endgültig vollzogen: »Der vielleicht interessanteste Aspekt dieses Liedes [...] ist, daß die Tonika von Es-Dur im ganzen Stück nicht vorkommt.« (Arnold Schönberg, »Die formbildenden Tendenzen der Harmonie«). In der »Harmonielehre« wird als Indikator ‚schwebender Tonalität' die Lockerung von einem Grundton beschrieben, der »von vornherein nicht eindeutig bestimmend« auftritt, sondern »die Rivalität anderer Grundtöne [hier die Untermediante] neben sich aufkommen« läßt.
Um meinen Nacken schlingt sich ein blütenweißer Arm. Es ruht auf meinem Munde ein Frühling jung und warm.
Ich wandle wie im Traume, als wär mein Aug verhüllt. Du hast mit deiner Liebe all meine Welt erfüllt.
Die Welt scheint ganz gestorben, wir beide nur allein, von Nachtigalln umklungen, im blühenden Rosenhain.
Alles Richard Dehmel
Laß uns noch die Nacht erwarten, bis wir alle Sterne sehn, falt die Hände; in den harten Steigen durch den stillen Garten geht das Heimweh auf den Zehn.
Geht und holt die Anemone, die du einst ans Herzchen drücktest, geht umklungen von dem Tone einst des Baums, aus dessen Krone du dein erstes Fernweh pflücktest.
Und du schüttelst aus den Haaren, was dir an der Seele frißt, selig Kind mit dreißig Jahren, Alles sollst du noch erfahren, Alles, was dir heilsam ist.
Mädchenlied Paul Remer
Ach, wenn es nun die Mutter wüßt', wie du so wild mich hast geküßt, sie würde beten ohne Ende, daß Gott der Herr das Unglück wende.
Und wenn das mein Herr Bruder wüßt', wie du so wild mich hast geküßt, er eilte wohl mit Windesschnelle und schlüge dich tot auf der Stelle.
Doch wenn es meine Schwester wüßt', wie du so wild mich hast geküßt, auch ihr Herz würde in Sehnsucht schlagen und Glück und Sünde gerne tragen.
Verlassen Hermann Conradi
Im Morgengrauen schritt ich fort – Nebel lag in den Gassen … In Qualen war mir das Herz verdorrt – die Lippe sprach kein Abschiedswort – sie stöhnte nur leise: Verlassen.
Kennst du das Marterwort? Das frißt wie verruchte Schande! In Qualen war mir das Herz verdorrt – Im Morgengrauen ging ich fort – hinaus in die dämmernden Lande! Entgegen dem jungen Maientag: das war ein seltsam Passen! Mählich wurde die Welt nun wach – Was war mir der prangende Frühlingstag – Ich stöhnte nur leise: Verlassen! …
Ghasel Gottfried Keller
Ich halte dich in meinem Arm, du hältst die Rose zart, und eine junge Biene tief in sich die Rose hält.
So reihen wir uns perlenhaft an einer Lebensschnur, so freun wir uns, wie Blatt an Blatt sich an der Rose schart.
Und glüht mein Kuß auf deinem Mund, so zuckt die Flammenspur bis in der Biene Herz, das sich dem Kelch der Rose paart.
Am Wegrand John Henry Mackay
Tausend Menchen ziehen vorüber, den ich ersehne, er ist nicht dabei! Ruhlos fliegen die Blicke hinüber, fragen den Eilenden, ob er es sei … Aber sie fragen und fragen vergebens. Keiner gibt Antwort: »Hier bin ich. Sei still.«
Sehnsucht erfüllt die Bezirke des Lebens, welche Erfüllung nicht füllen will, und so steh ich am Wegrand-Strande, während die Menge vorüberfließt, bis erblindet vom Sonnenbrande, mein ermündetes Aug' sich schließt.
Lockung Kurt Aram
Komm, komm mit nur einen Schritt! Hab schon gegessen, will dich nicht fressen, komm, komm mit nur einen Schritt.
Komm, komm mit noch einen Schritt. Kaum zwei Zehen weit noch zu gehen bis zu dem Häuschen, komm, mein Mäuschen.
Ei sieh da, da sind wir ja! Hier in dem Eckchen, halt, nur kein Schreckchen, wie glühn deine Bäckchen, jetzt hilft kein Schrein, mein bist du, mein!
Der Wanderer Friedrich Nietzsche
Es geht ein Wandrer durch die Nacht mit gutem Schritt; und krummes Tal und lange Höhn er nimmt sie mit. Die Nacht ist schön – er schreitet zu und steht nicht still, weiß nicht, wohin sein Weg noch will.
Da singt ein Vogel durch die Nacht. »Ach Vogel, was hast du gemacht! Was hemmst du meinen Sinn und Fuß und gießest süßen Herz-Verdruß ins Ohr mir, dass ich stehen muß und lauschen muss – was lockst du mich mit Ton und Gruß?«
Der gute Vogel schweigt und spricht: Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht mit dem Getön. Ein Weibchen lock' ich von den Höh'n – was geht's dich an?
Allein ist mir die Nacht nicht schön – was geht's dich an? Denn du sollst gehn und nimmer, nimmer stille stehn! Was stehst du noch? Was taht mein Flötenlied dir an, du Wandersmann?
Der gute Vogel schwieg und sann: Was tat mein Flötenlied ihm an? Was steht er noch? Der arme Wandersmann!