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»Lieder der Waldtaube« für Kammerorchester

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AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 15 Min.

TEXT: Jens Peter Jacobsen (Übersetzung: Robert Franz Arnold)

ENTSTEHUNGSZEIT: zwischen Mitte November 1922 und 14. Dezember 1922 (Enddatum auf dem Autograph)
(März 1900 - 1903, Juli 1910 - 7. November 1911 Entstehung der Gurrelieder)

ERSTAUFFÜHRUNG:
30. Januar 1923, Kopenhagen, "Dansk Filharmonisk Selskap" (Breuning-Bache-Quartett, Mitglieder der Königlichen Kapelle Christian Christiansen, Waldtaube: Marya Freund, Dir. Arnold Schönberg)

ERSTDRUCK: Universal Edition, Wien 1923 (UE Nr. 7272)


In einem Brief vom 31. Juli 1922 berichtete der dänische Dirigent und Komponist Paul von Klenau (1883-1946) Arnold Schönberg von seinem Plan, im Januar des folgenden Jahres die Kammersymphonie op. 9 aufzuführen. Das Konzert, das am 30. Januar 1923 stattfand, sollte vom dem Komponisten selbst dirigiert werden. Welche Werke neben der Kammersymphonie erklingen sollten, blieb bis Mitte November 1922 ungeklärt; denn Schönberg schrieb in einem Brief vom 13. November 1922: »Auch wäre noch zu bestimmen, ob und was dazu [Kammersymphonie] gegeben werden soll.« Kurz nach diesem Brief hatte sich Schönberg entschlossen, für das Kopenhagener Konzert eine Fassung für Kammerorchester des Lieds der Waldtaube aus den Gurre-Liedern zu erstellen. Wie er auf dem am 14. Dezember 1922 in Mödling vollendeten Autograph vermerkte, war die Bearbeitung »ausschließlich für kleine Säle im Anschluß an die Kammersymphonie« gedacht.
Das Autograph trägt noch weitere interessante Vermerke: Zum einen gibt Schönberg als weiteren Programmpunkt für das Konzert das II. Streichquartett op. 10 an, und zum anderen sah er als Solistin die französisch-polnische Sopranistin Marya Freund (1876-1966) vor, die bereits 1914 die Waldtaube in Paris gesungen hatte. Letztendlich erklangen am 30. Januar 1923 – auf einen Vorschlag der Sängerin (Brief vom 30.Dezember 1922) – anstelle des II. Streichquartetts op. 10 die Acht Lieder op. 6. Wie dem Programm zu entnehmen ist, wurde die Kammersymphonie zweimal gespielt – zu Beginn und zum Abschluß des Konzerts, an das Schönberg noch einen improvisierten Vortrag als Einführung in seine Musiktheorie anfügte. Dieser Vortrag findet sowohl in einem Zeitungsartikel über das Konzert als auch in einer Ansichtskarte Schönbergs an Alban Berg vom 29. Januar 1923 Erwähnung.
Das Lied der Waldtaube beschließt den ersten Teil der Gurre-Lieder, welche auf Basis des Zyklus »Gurresange« des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen zwischen 1900 und 1911 entstanden. Das Thema dieses ersten Teils ist die Liebesgeschichte von König Waldemar und Tove. Die Waldtaube berichtet im Balladenton von Toves tragischem Ende durch die eifersüchtige Königin Helwig; es heißt »Helwigs Falke war's, der grausam Gurres Taube zerriß!«.
Als Strukturgeber für das Stück und als Träger einer weiteren semantischen Schicht dienen Erinnerungsmotive aus den neun vorangegangenen Liedern des ersten Gurre-Lieder teils. Durch die Bearbeitung für Kammerorchester erscheinen sie von ihrem Sinnzusammenhang gelöst, wodurch der Fokus auf die motivische Arbeit der Variation und Kombination gelenkt wird. Die kurzen, prägnanten Motive verweben sich mit dem liedhaften Element der symmetrischen Taktgruppierungen. Formal erreicht Schönberg so eine Anlehnung an die Sonatenform, in die strophenähnliche Komplexe – eingeleitet von der wiederkehrenden Refrainmelodie »Weit flog ich, Klage sucht’ ich« – integriert sind.

Stefanie Rauch
© Arnold Schönberg Center


STIMME DER WALDTAUBE
Tauben von Gurre! Sorge quält mich,
Vom Weg über die Insel her!
Kommet! Lauschet!
Tot ist Tove! Nacht auf ihrem Auge,
Das der Tag des Königs war!
Still ist ihr Herz,
Doch des Königs Herz schlägt wild,
Tot und doch wild!
Seltsam gleichend einem Boot auf der Woge,
Wenn der, zu dess' Empfang
Die Planken huldigend sich gekrümmt,
Des Schiffes Steurer tot liegt,
Verstickt in der Tiefe Tang.
Keiner bringt ihnen Botschaft,
Unwegsam der Weg.
Wie zwei Ströme waren ihre Gedanken,
Ströme gleitend Seit' an Seite.
Wo strömen nun Toves Gedanken?
Die des Königs winden sich seltsam dahin,
Suchen nach denen Toves,
Finden sie nicht.
Weit flog ich, Klage sucht' ich, fand gar viel!
Den Sarg sah ich auf Königs Schultern,
Henning stützt' ihn;
Finster war die Nacht, eine einzige Fackel
Brannte am Weg;
Die Königin hielt sie, hoch auf dem Söller,
Rachebegierigen Sinns.
Tränen, die sie nicht weinen wollte,
Funkelten im Auge.
Weit flog ich, Klage sucht' ich, fand gar viel!
Den König sah ich, mit dem Sarge fuhr er,
Im Bauernwams.
Sein Streitross, das oft zum Sieg ihn getragen,
Zog den Sarg.
Wild starrte des Königs Auge, suchte
Nach einem Blick,
Seltsam lauschte des Königs Herz
Nach einem Wort.
Henning sprach zum König,
Aber noch immer suchte er Wort und Blick.

Der König öffnet Toves Sarg,
Starrt und lauscht mit bebenden Lippen,
Tove ist stumm!
Weit flog ich, Klage sucht' ich, fand gar viel!
Wollt' ein Mönch am Seile ziehn,
Abendsegen läuten;
Doch er sah den Wagenlenker
Und vernahm die Trauerbotschaft:
Sonne sank, indes die Glocke
Grabgeläute tönte.
Weit flog ich, Klage sucht' ich und den Tod!
Helwigs Falke
War's, der grausam
Gurres Taube zerriss!

Diskographie