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Sechs Stücke für Männerchor op. 35

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1. Hemmung (Arnold Schönberg) (1930)
        

2. Das Gesetz (Arnold Schönberg) (1930)

3. Ausdrucksweise (Arnold Schönberg) (1930)

4. Glück (Arnold Schönberg) (1929)

5. Landsknechte (Arnold Schönberg) (1930)
 

6. Verbundenheit (Arnold Schönberg) (1929)
 

AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 13 Min.

ENTSTEHUNGSZEIT: März 1929 - März 1930

ERSTAUFFÜHRUNG: 2. November 1929, Berlin, Berliner Rundfunk (Nr. 4; Erwin Lendvai-Quartett, Dir. Walter Hänel); 24. Oktober 1931, Hanau, (Nr. 1-3, 5, 6; 13er Quartett des AGV Vorwärts, Dir. Franz Schmitt)

ERSTDRUCKE: Bote & Bock, Berlin (27. August) 1930 (Pl. Nr. 19979-19984 Stimmen); Nr. 4 zuvor in: Männer-Chöre ohne Begleitung, gesammelt von Alfred Guttmann, Deutscher Arbeiter-Sängerbund Berlin o.J. [1929], Nr. 248 (S. 687-690)

NOTENMATERIAL: Bote & Bock: 19979–19984 (Stimmen)


Die Chorstücke op. 35 wurden in zwei Abschnitten, im März und April 1929 sowie im Februar und März 1930 komponiert (Nr. 4 und 6 als Auftragsarbeiten für den Deutschen Arbeiter-Sängerbund) und spiegeln vor allem Schönbergs Haltung zur gesellschaftlichen Funktion von Kunst wider, wie Alban Berg in einem Brief vom Februar 1931 hervorhebt: »Und dabei scheint mir hinter dem absoluten Ewigkeitswert dieses Opus auch noch etwas Temporäres zu stecken: So wie Du in den herrlichen Texten Dich mit den heutigen Gemeinschaftsideen auseinandersetzt [...] so hat es den Anschein, als ob Du (der Du der jüngeren Generation ja stets alles vorgemacht hast), auch einmal im Nachhinein etwas vormachen und dabei zeigen wolltest, daß solche einfache, sonst nur einer billigen Gemeinschaftsmusik angehörige Formen auch auf höchste Kunstentfaltung und Meisterschaft Anspruch haben.« Das vielleicht wichtigste Merkmal der Stücke im Hinblick auf die Idee, eine gemeinsame Grundlage mit einem breiteren Publikum zu schaffen, ist die Wechselwirkung von zwölftönigen und tonalen Elementen.

© Arnold Schönberg Center


1. Hemmung

Ist ihnen die Sprache versagt?
Oder fühlen sie es nicht?
Haben sie nichts zu sagen?

Aber sie reden doch flüssiger,
je weniger ein Gedanke sie hemmt!
Wie schwer ist es, einen Gedanken zu sagen!

Und sie reden doch so flüssig,
wenn sie eine Absicht haben!
Wie oft muß man da staunen!


2. Das Gesetz

Wenns so kommt, wie man es gewöhnt ist,
ists in Ordnung: das kann man verstehn.
Kommt es aber anders, ist es ein Wunder.

Jedoch bedenke nur:
daß es immer gleich kommt,
das ist doch das Wunder,
das dir unbegreiflich scheinen sollte:
daß es ein Gesetz gibt,
dem die Dinge so gehorchen,
wie du deinem Herrn,
das den Dingen so gebietet,
wie dir dein Herr:
Dieses solltest du als Wunder erkennen!
Daß einer sich auflehnt ist eine banale Selbstverständlichkeit.


3. Ausdrucksweise

Aus uns, im Masseninstinkt
spricht für einen Gott,
für andere der Urzustand.

Als Kulturvorbild gelten wir diesen,
abschreckend nennen uns jene.

Was wir wirklich sind,
wir wissens so wenig, wie, was jeder einzelne ist.

Sind wir beisammen, fühlt jeder nur jeder, nicht mehr sich.
Sind wir getrennt, handelt jeder wie der andere
und dennoch wie er selbst.

Lob oder Tadel lässt uns alle
und jeden einzelnen kalt.
Aber wenn wir schlagen,
dann schlagen alle, wie Einer.


4. Glück

Glück ist die Fähigkeit, es noch zu wünschen,
es noch nicht genossen zu haben,
es noch winken zu sehen:
solange es sich versagt, ist es Glück.
Oder: wenn es entschwinden könnte,
wenn man es nicht erwartet,
wenn man es nicht verdient:
solange man es noch hat, ist es Glück.
Oder: wenn mans nicht benennen kann,
nicht weiß, worin es besteht,
nicht glaubt, daß andere es kennen:
solange man es nicht begreift, ist es Glück.


5. Landsknechte

Einmal muß man sterben,
aber wer denkt daran?
Und wie ist das: Sterben?
Ach was!

Leben weiß man in jedem Augenblick.
Ebensolang: aber es geht weiter.

Tapp, tapp, hopp, hopp!
Auf die Weide!
Oh, heute regnets; wenig Gras ---
kein gutes ---.
Herrlich: hier bin ich allein!
Der beste Platz! Kein andrer findet her.
Eine fette Weide für alle.
Vertragt euch: es ist genug für jeden!

Weg! Die Weiber sind mein!
Lauf, oder ich spieß dich auf!
Stirb! So, hier bin ich Herr!
Für die Jungen ist gesorgt.
Ach was, Junge!
Man lebt jetzt eben!
Oho, es riecht nach Blut?
Nach unserm Blut und Fleisch.
Also dorthin gehts?
Werden wir jetzt schon geschlachtet?
Man sollte fliehen:
Man ist gelähmt!
Was könnte es nützen?
Landsknechtsschicksal!


6. Verbundenheit

Man hilft zur Welt dir kommen,
Sei gesegnet!
man gräbt ein Grab für dich,
Ruhe sanft!
man flickt die Wunden dir im Spital,
Gute Bessrung!
löscht dein Haus, zieht dich aus dem Wasser
Fürchte nichts,
du hast selbst doch auch mit andern Mitleid!
Hilfe naht, du bist nicht allein!

Du läßt den Greis nicht liegen,
fällst einst selbst so,
du hebst die Last des Schwachen,
ohne Lohn,
du hemmst im Laufe das scheue Pferd,
schonst dich selbst nicht,
wehrst dem Dieb, schützt des Nachbarn Leben
ohne Zögern bringst du Hilfe:
leugne doch, daß du auch dazu gehö
rst!
bleibst nicht allein.

Diskographie