1. Am Scheideweg (Arnold Schönberg) (1925)
2. Vielseitigkeit (Arnold Schönberg) (1925)
3. Der neue Klassizismus (Arnold Schönberg) (1925)
AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 11 Min.
ENTSTEHUNGSZEIT:
Nr. 1: 12. November 1925;
Nr. 2: 15. November - 31. Dezember 1925;
Nr. 3: 13. November - 30. Dezember 1925;
Anhang I: 9. Dezember 1925-1. Januar 1926;
Anhang II: 14. Februar 1926;
Anhang III: 21. - 29. April 1926
ERSTAUFFÜHRUNG: unbekannt
ERSTDRUCKE: Universal Edition, Wien 1926 (UE Nr. 8586 Partitur; UE Nr. 8587 Instrumentalstimmen; UE Nr. 8588 Chorstimmen)
NOTENMATERIAL: Universal Edition UE 8586 (Partitur)
Die drei Satiren für gemischten Chor entstanden in einer Zeit, zu der Schönberg 51jährig am Höhepunkt seiner Laufbahn stand. Kurz vor dem Beginn der Komposition war er nach Berlin an die Preußische Akademie der Künste als Nachfolger Ferruccio Busonis berufen worden. Die Zwölftontechnik hatte sich bis zu einem gewissen Grad etabliert. War Schönberg als Komponist anerkannt wie nie zuvor, so blieb er doch in seinem künstlerischen Selbstverständnis sensibel: »Ich schrieb [die Satiren], als ich über die Angriffe einiger meiner jüngeren Zeitgenossen sehr aufgebracht war, und wollte sie warnen, daß es nicht gut ist, mit mir anzubinden«, erläutert Arnold Schönberg im Vorwort zu den »Drei Satiren«. Vier »Zielgruppen« nennt er, die er mit den Stücken treffen wollte: zum ersten diejenigen, »die ihr persönliches Heil auf einem [kompositorischen] Mittelweg suchen.« Weiters alle, die sich an der Vergangenheit orientieren, rückwärts statt vorwärts blicken, drittens die »Folkloristen« und viertens »alle ‚...isten‘, in denen ich nur noch Manieristen sehen kann.« .
Die Botschaft der Satiren lässt sich auch heute noch nachvollziehen, obwohl sie als unmittelbare Reaktion auf aktuelle Strömungen gedacht waren. Mit »Am Scheideweg« ist die erste Zielgruppe angesprochen: diejenigen, die sich tonaler wie atonaler Prinzipien bedienen, ohne sich über Ursachen und Konsequenzen im Klaren zu sein. Der Textstelle »Tonal« entspricht ein C–Dur Dreiklang, der in der Zwölftonreihe bereits angelegt ist. Ganz bewußt wird diese tonale Zelle (entgegen dem Prinzip, plakative Dur/Moll-Konstellationen zu vermeiden, um nicht den Eindruck eines tonalen Schwerpunkts zu erwecken) eingesetzt und bildet die musikalische Entsprechung zum Kontrast Tonal/Atonal im Text. Der Kanon wird herangezogen, um die Verächter der Kunst verfeinerter Polyphonie erzittern zu lassen. Grundgestalt und Krebs der Reihe werden zu einer 23–tönigen Doppelreihe vereint und als vierstimmiger Kanon im Einklang durchgeführt. Eine Coda, in der die Grundgestalt enggeführt wird, beschließt den Kanon.
An diesem, wie auch am nächsten Stück »Vielseitigkeit« fällt die einfache rhythmische Faktur ins Auge, die mit der komplexen Tonhöhenordnung in Kontrast steht. Im zweiten Chor »Vielseitigkeit« lässt bereits der optischen Eindruck des Notenbildes die polyphon äußerst vielschichtige Struktur erahnen. Das auf komplizierten Reihenspiegelungen basierende Stück gemahnt an die sogenannte ›Augenmusik‹ des 15. und 16. Jahrhundert. Die wie im ersten Stück immer wieder auftretende Tonfolge c–e–g bleibt hier klanglich weitgehend im Hintergrund.
Nr.3 »Der neue Klassizismus« ist eine Kantate für gemischten Chor mit Begleitung von Bratsche, Violoncello und Klavier. Sie ist in wesentlichen Teilen gegen den Musikwissenschaftler Hugo Riemann gerichtet, was Schönberg in seinem Vorwort nicht eigens erwähnt. Riemann hatte sich in seinem Musiklexikon (in der Ausgabe von 1916) abfällig über Passagen in Schönbergs Harmonielehre geäußert, was der Komponist 1926 (zur Entstehungszeit der Satiren, als Riemann längst gestorben, und die bewusste Stelle längst gestrichen war) noch nicht verwunden hatte. Davon abgesehen ist Strawinsky das Hauptangriffsziel. Anlehnungen an die barocke Kantatenform sind offensichtlich. Auf ein ausgedehntes Rezitativ (»eventuell Solo«) folgt eine ›Arie‹ für Baß und Chor (»Dem kann die Macht der Zeiten nichts mehr anhaben«) mit variierter Reprise. Daran schließt sich eine Chorfuge (»Die Hauptsache ist der Entschluß«) an. Ein weiteres Rezitativ, das die Materialien des Anfangs variiert, leitet über zu einer ›Tripelfuge‹, deren Themen aus der gleichen Reihe gewonnen werden. Die Rolle der Instrumentalbegleitung ist das Stützen der Singstimmen, eine Vorsichtsmaßnahme, die auf frühere Erfahrungen mit dem Chor »Friede auf Erden« zurückgeht.
Der Anhang zu den »Satiren« besteht aus drei Kanons, die diatonisch komponiert sind. In einem gesonderten Vorwort begründet Schönberg das Verfahren damit, er habe beweisen wollen, dass er in der Lage sei, diatonische Kanons zu schreiben, »was zwar nicht sehr geschätzt wird, aber immerhin als schwierig gilt.« Zudem ist der Kanon jene traditionelle Form, die den Erfordernissen der Zwölftonmethode am nächsten kommt.
Agnes Grond
© Arnold Schönberg Center
Am Scheideweg
Arnold Schönberg
Tonal oder atonal?
Nun sagt einmal
in welchem Stall
in diesem Fall
die größre Zahl,
daß man sich halten,
halten kann am sichern Wall.
Vielseitigkeit
Arnold Schönberg
Ja, wer tommerlt denn da?
Das ist ja der kleine Modernsky!
Hat sich ein Bubizopf schneiden lassen;
sieht ganz gut aus!
Wie echt falsches Haar!
Wie eine Perücke!
(Ganz wie sich ihn der kleine Modernsky vorstellt),
ganz der Papa Bach!
Der Neue Klassizismus
Arnold Schönberg
Tenor:
Nicht mehr romantisch blieb ich,
Romantisch hass ich;
von morgen an schon
schreib ich nur reinstes Klassisch!
Baß:
Dem kann die Macht der Zeiten
nichts mehr anhaben,
Sopran und Alt: Siehe Riemann!
Baß:
den Kunstgesetze leiten nach dem Buchstaben.
Sopran und Alt: Buchstaben? Wenn man die kann!
Bass:
Ich staun, wie rasch die Wendung:
von heut auf morgen besitzt man Formvollendung?
Kann man die borgen?
Sopran und Alt: ...nur borgen!
Chor:
Die Hauptsache ist der Entschluß.
Doch der ist leicht gefaßt.
Die Technik macht manchem Verdruss,
drum wird sie gern gehaßt.
Man läßt sie ganz einfach beiseiten,
Vollendung ist doch das Panier!
Sie zeitigt den Einfall beizeiten,
wenn auch nur auf dem Papier.
Schlussfuge: Klassische Vollendung,
streng in jeder Wendung,
sie komm woher sie mag,
danach ist nicht die Frag,
sie geh wohin sie will:
das ist der neue Stil.
Diskographie




