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Vier Lieder für Gesang und Orchester [For songs for voice and orchestra] op. 22

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1. Seraphita (Ernest Dowson, Deutsch von Stefan George) (1913)
        

2. Alle welche dich suchen (aus »Das Stunden-Buch« von Rainer Maria Rilke) (1914)

3. Mach mich zum Wächter deiner Weiten (aus »Das Stunden-Buch« von Rainer Maria Rilke) (1914–1915)

4. Vorgefühl (aus »Das Buch der Bilder « von Rainer Maria Rilke) (1916)

DURATION: ca. 13 Min.

DATE: 1913 - 1916;
Nr. 1, »Seraphita«, 6. Oktober 1913 (Datierung am Ende der Ersten Niederschrift);
Nr. 2, »Alle, welche dich suchen«, 30. November - 3. Dezember 1914 (Datierung am Beginn und Ende der Ersten Niederschrift);
Nr. 3, »Mach mich zum Wächter deiner Weiten«, 3. Dezember 1914 - 1. Jänner 1915 (Datierung am Beginn und Ende der Ersten Niederschrift);
Nr. 4 »Vorgefühl«, 19. - 28. Juli 1916 (Datierung am Beginn und Ende der Ersten Niederschrift)

FIRST PERFORMANCE: 21. Februar 1932, Frankfurt am Main (Hertha Reinecke, Sopran; Dir. Hans Rosbaud)

DEDICATION: beim Vorabdruck von Nr. 2 (1915): Meinem lieben Freunde Anton von Webern

EARLY EDITIONS: »Vereinfachte Studier- und Dirigierpartitur«, Universal Edition, Wien-Leipzig (7. November) 1917 (UE Nr. 6060)

SALES MATERIAL: Universal Edition UE 6060 (Particell); UE 12058 (Klavierauszug)


Die »Vier Lieder für Gesang und Orchester« op. 22 wurden unmittelbar vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs komponiert. Die Komposition bildet den Abschluß der freien atonalen Phase, der die Einberufung zum Militär eine abruptes Ende bereitete. Schönbergs Produktivität versiegte. In der Zeit des Verstummens als Komponist entwickelte er die Methode desKomponierens mit zwölf Tönen. Die Orchesterlieder bilden den Abschluß einer historischen Phase, sind aber als Eröffnung einer Entwicklung, die dann nicht erfolgte, zu verstehen.
Die größte Neuerung vollzieht sich in der Konzeption des Orchesters. Das Klassische Symphonieorchester besteht in der Regel aus zweifach besetzten Holz- und Blechbläsern, und einem Kern von chorisch besetzten Streichern. Die Entwicklung setzt sich im großen spätromantischen Orchester mit sechsfachem, sehr differenziertem Holz und Blech, stark besetztem Schlagzeug, Harfe, Celesta und multplizierten und daher entsprechend teilbaren Streichern fort. Auf diesen standardisierte Klangkörper sind nahezu alle Orchester der Welt eingerichtet, er bildet nicht nur den musikalischen, sondern in erster Linie einen musiksoziologischer Rahmen. Das Orchester als von der Gesellschaft vorgegebene Institution wird in Op. 22 negiert (Heinz-Klaus Metzger). Der neue Stil der Instrumentation, der bereits im letzten Teil der Gurrelieder angewendet wurde, prägt sich in den Orchesterliedern op. 22 am radikalsten aus. In op. 22 sind folgende Instrumente vorgeschrieben: 4 Flöten, 2 kleine Flöten, 3 Oboen, 2 Englischhörener, 6 Klarinetten, 3 Baßklarinetten, 1 Kontrabaßklarinette, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott, 4 Hörner, 1 Trompete, 3 Posaunen, Tuba, Harfe, Pauken, Becken, Xylophon, Tamtam, 24 – 30 Violinen, Bratschen, Celli, Kontrabässe. Das volle Orchester wird in keinem der Lieder verlangt. Durch die Instrumentenwahl ordnet Schönberg den einzelnen Liedern ein spezifisches Kolorit zu: In op. 22/1 steht die Streichergruppe den Blechbläsern und dem Schlagwerk gegenüber. op. 22/2 und 3 kontrastieren einen Holzbläserblock mit solistisch eingesetzten tiefen Streichern, op. 22/4 mit einem Streichquintett. Gemessen an den Normen des spätromantischen Orchesters hat sich das Verhältnis der Streicher zu den Holzbläsern nahezu verkehrt: einem chorischen Holzbläsersatz steht der solistisch gegliederte Streicherklang gegenüber. Der Blechbläserklang, Kern des Orchestertutti im 19. Jahrhundert fehlt fast völlig.
Die Neuerungen finden sich sogar im äußeren Schriftbild. Im Vorwort zu den Orchesterliedern erläutert Schönberg: »Nach langem Zögern habe ich mich entschlossen, meine Orchesterwerke von jetzt an nicht mehr in der bisher üblichen Partiturform herauszugeben.« Die neue Form der Partitur nannte Schönberg »vereinfachte Studier- und Dirigier- Partitur«. Als Mängel der üblichen Form der Orchesternotation nennt Schönberg: die transponierenden Instrumente, die das Lesen komplexer Gebilde erschweren bzw. unmöglich machen und Verdopplungen, die 15-30 Zeilen in Anspruch nehmen, und doch auf zwei bis sechs Zeilen Platz finden könnten. Schönbergs Vereinfachte Studier- und Dirigierpartitur soll vom Notenbild her an einen zwei- bis vierhändigen, bei besonderem Bedarf auch an einen sechs- bis achthändigen, Klavierauszug erinnern. Weiters gilt als Grundprinzip, daß »der Verlauf jeder Stimme jederzeit verfolgt werden könne«, und bei besonderer Kompliziertheit »die Gruppen: Holzbläser, Blechbläser, Schlagwerk und Streicher auseinanderzuhalten [sind], um die Abhaltung geteilter Proben nicht zu erschweren.« Das vereinfachte Notieren eines Orchestersatzes ist jedoch nicht Ergebnis einer gegenüber dem spätromantischen Orchesterapparat vereinfachten Konzeption. Die Instrumentation, die nur scheinbar dazugesetzt wird erscheint leicht als akkzidentiell oder zufällig. Die fehlende optische Lokalisierung ähnlicher Klänge erschwert jedoch das Lesen, Schönberg hat auf diese Form der Notation auch nicht mehr zurückgegriffen.

Agnes Grond
© Arnold Schönberg Center


Seraphita
Ernest Dowson, deutsch von Stefan George

Erscheine jetzt nicht, traumverlornes Angesicht,
mir windverschlagen auf des Lebens wilder See.
Sei meine Fahrt auch voll von finster Sturm und Weh:
hier jetzt vereinen oder küssen wir uns nicht!
Sonst löscht die laute Angst der Wasser vor der Zeit
das helle Leuchten deines Angedenkens Stern,
der durch die Nächte herrscht – bleib von mir fern
in deines Ruheortes Heiterkeit.

Doch wenn der Sturm am höchsten geht und kracht,
zerrissen See und Himmel, Mond in meiner Nacht!
Dann neige einmal dem Verzweifelten dich dar,
laß deine Hand (wenn auch zu spät nun)
hilfbereit noch gleiten auf mein fahles Aug und sinkend Haar.
Eh große Woge siegt im letzten leeren Streit!


Alle, welche dich suchen
aus: »Das Stundenbuch« von Rainer Maria Rilke

Alle, welche dich suchen
versuchen dich.
Und die so dich finden,
binden dich an Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen,
wie dich die Erde begreift;
mit meinem Reifen reift dein Reich.
Ich will von dir keine Eitelkeit, die dich beweist.
Ich will, daß die Zeit anders heißt als du.

Tu mir kein Wunder zulieb.
Gib deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichtbarer sind.


Mach mich zum Wächter deiner Weiten
aus: »Das Stundenbuch« von Rainer Maria Rilke

Mach mich zum Wächter deiner Weiten,
mach mich zum Horchenden am Stein,
gib mir die Augen, auszubreiten
auf deiner Meere Einsamsein;

Laß mich der Flüsse Gang begleiten
aus dem Geschrei zu beiden Seiten
Weit in den Klang der Nacht hinein.

Schick mich in deine leeeren Länder,
durch die die weiten Winde gehn,
wo große Klöster wie Gewänder
um ungelebte Leben stehn.

Doch will ich mich zum Pilgern halten,
von ihren Stimmen und Gestalten
durch keinen Trug mehr abgetrennt,
und hinter einem blinden Alten
des Weges gehn, den keiner kennt.

Vorgefühl
aus: »Das Buch der Bilder« von Rainer Maria Rilke

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
Die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus, und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein in dem großen Sturm.

Discography