Sechs Lieder für eine mittlere Singstimme und Klavier op. 3
1. Wie Georg von Frundsberg von sich selber sang (aus »Des Knaben Wunderhorn«) (1903)
2. Die Aufgeregten (Gottfried Keller ) (1903)
3. Warnung (Richard Dehmel) (1899)
4. Hochzeitslied (Jens Peter Jacobsen) (31.3.1900)
5. Geübtes Herz (Gottfried Keller) (1903)
6. Freihold (Hermann Lingg) (1900)
AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 16 Min.
ENTSTEHUNGSZEIT: Nr. 1, »Wie Georg von Frundsberg von sich selber sang« (aus Des Knaben Wunderhorn), 18. März 1903 (Ende der Ersten Niederschrift); Nr. 2, »Die Aufgeregten« (Gottfried Keller), 9. November 1903 (Ende der Ersten Niederschrift); Nr. 3, »Warnung« (Richard Dehmel), 7. Mai 1899 (Niederschrift der ersten Fassung); Nr. 4, »Hochzeitslied« (Jens Peter Jacobsen, Übers. Robert F. Arnold), um 1901; Nr. 5, »Geübtes Herz« (Gottfried Keller), 2. September 1903 (Niederschrift der ersten Fassung), 10. November 1903 (Ende der 2. Fassung); Nr. 6, »Freihold« (Hermann Lingg), 20. November 1900 (Ende der Niederschrift der ersten Fassung)
ERSTAUFFÜHRUNG: 26. Januar 1907, Wien, Ehrbaar-Saal (Nr. 1-5; Anton Moser, Gesang; Alexander Zemlinsky, Klavier); 26. März 1919, Wien, Konzerthaus, Mozart-Saal (Nr. 6; Arthur Fleischer, Gesang; Eduard Steuermann, Klavier)
WIDMUNG: »Herrn Baurat Carl Redlich in Dankbarkeit«
FASSUNGEN: I. Fassung op. 3 Nr. 3, 5, 6: (1899/1903/1900) II. Fassung op. 3 Nr. 3, 5, 6: (1903)
NOTENMATERIAL: 1. Wie Georg von Frundsberg von sich selber sang - Universal Edition UE 3656 2. Die Aufgeregten - Universal Edition UE 3657 3. Warnung - Universal Edition UE 3658 4. Hochzeitslied - Universal Edition UE 3659 5. Geübtes Herz - Universal Edition UE 3660 6. Freihold - Universal Edition UE 3661 Sammeldrucke: Belmont Music Publishers (USA, Canada, Mexico) BEL 1023 Masters Music Publications M 1181
In seinem Essay »Das Verhältnis zum Text« bekannte Arnold Schönberg, »daß ich viele meiner Lieder, berauscht von dem Anfangsklang der ersten Textworte, ohne mich auch nur im geringsten um den weiteren Verlauf der poetischen Vorgänge zu kümmern, ja ohne diese im Taumel des Komponierens auch nur im geringsten zu erfassen, zu Ende geschrieben und erst nach Tagen darauf kam, nachzusehen, was denn eigentlich der poetische Inhalt meines Liedes sei.« Im Kontext der musikhistorischen Entwicklung im 19. Jahrhundert bedeutet Schönbergs fortschrittliche Haltung zur Funktion der Sprache eine Aufgabe enger Formgebundenheit der musikalischen Aussage an die Sprachvorlage, was die Gattung Lied in der Nachfolge Schuberts und Schumanns ausgezeichnet hatte. Diese antiromantische Perspektive ist eng an jenen Prozeß gebunden, den Schönberg selbst als »Emanzipation der Dissonanz« bezeichnet hatte und innerhalb des Liedschaffens erst im George-Zyklus op. 15 einen kompositorischen Wendepunkt herbeiführte. Im Jahr 1903 bereitete Schönberg den Druck von op. 3 vor und griff dabei neben Neukompositionen, wie den beiden Keller-Vertonungen »Geübtes Herz« und »Die Aufgeregten«, auf früher verfaßte Lieder zurück: »Freihold«, welches im Auftrag des Baurats Carl Redlich bereits im November 1900 »angefertigt« wurde (Vermerk auf der ersten Niederschrift), »Hochzeitslied« aus dem Jahr 1901 und »Warnung«, dessen erste Fassung bereits mit 7. Mai 1899 datiert ist. In diesem Lied nach einem Text von Richard Dehmel zeigt sich bereits eine Tendenz, der Singstimme in teils vom Klavier gelösten Phrasierungen mehr deklamatorische Akzente zu verleihen. Der überdramatisierende Gestus der Fassung von 1899 sowie formale und metrische Schwachstellen wurden von Schönberg für den Druck, etwa durch eine kontinuierlichere Gesangslinie verbessert.
Wie Georg von Frundsberg von sich selber sang aus „Des Knaben Wunderhorn“
Mein Fleiß und Müh hab ich nie gespart und allzeit gewahrt dem Herren mein; zum Besten sein schickt ich mich drein, Gnad, Gunst verhofft, doch’s Gemüt zu Hof verkehrt sich oft.
Wer sich zukauft, der lauft weit vor und kömmt empor, doch wer lang Zeit nach Ehren streit, muß dannen weit, das sehr mich kränkt, mein treuer Dienst bleibt unerkennt.
Kein Dank noch Lohn davon ich bring, man wiegt g’ring und hat mein gar vergessen. Zwar, groß Not, Gefahr, ich bestanden han, was Freude soll ich haben dran?
Die Aufgeregten Gottfried Keller
Welche tiefbewegten Lebensläufchen, welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz! Eine Bachwelle und ein Sandhäufchen brachen gegenseitig sich das Herz!
Eine Biene summte hohl und stieß ihren Stachel in ein Rosendüftchen, und ein holder Schmetterling zerriß den azurnen Frack im Sturm der Maienlüftchen!
Und die Blume schloß ihr Heiligtümchen sterbend über dem verspritzten Tau! Welche tiefbewegten Lebensläufchen, welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz!
Warnung Richard Dehmel
Mein Hund, du, hat dich bloß beknurrt, und ich hab ihn vergiftet; und ich hasse jeden Menschen, der Zwietracht stiftet.
Zwei blutrote Nelken schick' ich dir, mein Blut du, an der einen eine Knospe; den dreien sei gut, du, bis ich komme.
Ich komme heute Nacht noch, sei allein, du! Gestern, als ich ankam, starrtest du mit jemand ins Abendrot hinein! Du: Denk an meinen Hund!
Hochzeitslied Jens Peter Jacobsen
So voll und reich wand noch das Leben nimmer euch seinen Kranz, und auf den Trauben spielt in kühnem Schimmer der Hoffnung Glanz. Im Laube welch ein Glüh’n des farbigen Saftes, und wie die Töne klar zusammenfließen! Ergreift das alles, schafft es, erlebt es im Genießen!
Der Jugend Allmacht kocht in eures Blutes feuriger Kraft, nach Taten drängt, nach Schöpfung freien Mutes der frische Saft. So spannt denn eurer Welt tollkühne Bogen, die schlanken Säulen hebt zum Himmelszelt; füllt mit des Herzens Flammenwogen die neue Welt!
Geübtes Herz Gottfried Keller
Weise nicht von dir mein schlichtes Herz, weil es schon so viel geliebet! Einer Geige gleicht es, die geübet lang ein Meister unter Lust und Schmerz.
Und je länger er darauf gespielt, stieg ihr Wert zum höchsten Preise; denn sie tönt mit sichrer Kraft die Weise, die ein Kund’ger ihren Saiten stiehlt.
Also spielte manche Meisterin in mein Herz die rechte Seele. Nun ist’s wert, daß man es dir empfehle, lasse nicht den köstlichen Gewinn!
Freihold Hermann Lingg
Soviel Raben nachts auffliegen, soviel Feinde sind auf mich, soviel Herz an Herz sich schmiegen, soviel Herzen fliehen mich. I
ch steh allein, ja ganz allein, wie am Weg der dunkle Stein. Doch der Stein, er gilt als Marke, wachend über Menschentun: daß dem Schwachen auch der Starke laß das Seine sicher ruh’n.
Wind und Regen trotzt der Stein, unzerstörbar und allein. Wohl, so will auch ich vollenden Unrecht dämmen, bis es bricht. Mag sein Gift der Neid verschwenden, mich erlegt er nicht; Blitze, schreibet auf den Stein: »Wer will frei sein, geh’ allein!«