×

Notice

By using this website, you agree that cookies are placed on your device. ATTENTION: If you click on "decline", the online shop will not be working and some areas of the site may not be displayed properly!

View infos on Cookies and Privacy Policy

You have declined cookies. This decision can be reversed.
VR42

Unable to embed Rapid1Pixelout audio player. Please double check that:  1)You have the latest version of Adobe Flash Player.  2)This web page does not have any fatal Javascript errors.  3)The audio-player.js file of Rapid1Pixelout has been included.

Zurück zur Übersicht

Aufnahmedatum: 1950?
Dauer: 10:54
Beschreibung: Reading a dialogue about Napoleon playing solitaire. In German
Signatur: 99/R7
Publikationen:
Schoenberg, Arnold. "Napoleon patience." In: Nuria Schoenberg-Nono. Arnold Schoenberg playing cards, p. 61-67. Vienna: Piatnik Edition, 1981. -- In German.

Transkription:

Napoléon patience

SCHOENBERG: "Sagen Sie, Chairmont, sind das nicht die Karten, die ich gestern Abends benützt habe?"
"Jawohl, Majestät; die neue Sendung ist noch immer nicht eingetroffen."
"Oder dieser stupide Engländer, diese eingetrocknete Citrone, hält sie zurück."
"Aber darf ich mir die Frage erlauben: Woran haben Eure Majestät das erkannt?"
"Chairmont, haben Sie noch nicht bemerkt, dass ich ein Flair für derlei habe?"
"Es ist doch unglaublich, dass man mir hier diesen kleinen Komfort verweigert. Meine treuen Franzosen senden mir hunderte Pakete Karten. Aber diese Krämerseelen vorenthalten sie mir! Ich bin imstande zu glauben, dass sie das für eine Marotte von mir halten. Aber ich habe es doch hundertemale bewiesen, dass die Inspiration sich bei längerem Gebrauch verflüchtigt, so dass diese Karten dann nichts weiter als bedrucktes Papier sind."
"Jawohl, Majestät."
"Chairmont, sagen Sie nicht immer dieses leere 'jawohl.' Ob Sie meiner Meinung sind, oder nicht: Sie sollten das immer in Form eines kleinen, hübschen Gedankens ausdrücken. Zum Beispiel in diesem Fall: Im Wein liegt Wahrheit auch nur so lange als sich sein Geist nicht verflüchtigt hat."
"Majestät haben das in einen sehr hübschen anmutigen Vergleich gefasst. Ich wollte ich besässe diese Fähigkeiten. Ich wäre dann noch lange kein Buonaparte. Dazu gehört eben noch alles andere!"
"Jetzt schmeicheln Sie mir wieder Chairmont. Aber, wie wohl mir solche kleine Aufmerksamkeiten atun--heute wo die Welt sich bemüht, mich zu vergessen--so muss ich doch sagen, dass ich Aufrichtigkeit vorziehe. Nur ein aufrichtiger Mensch ist verlässlich. Und glauben Sie nicht, Chairmont, dass ich übersehe, wenn manche Leute hier mir schmeicheln. Sie wissen, dass mich [?] meine treuen Franzosen eines Tages zurückrufen werden! Sie können mir vertrauen: dass meine Freunde ihre Treue nicht werden bereuen müssen. Ich war niemals kleinlich--auch nicht gegen meine Feinde."
"Wahrlich nicht! Ich muss jeden Tag an Ihre Grossmut denken, mit der Sie den kleinen Dienst belohnten, den ich Ihnen erwiesen hatte. Jeder Feldwebel hätte das gleiche getan."
"Das war wohl kein kleiner Dienst, als Sie mir Ihr Pferd gaben, in der meines oder dem Leibe weggeschossen wurde. Ich habe übrigens nie erfahren, wie Sie aus diesem elenden Loch herausgefunden haben, in das wir geraten waren. Ich war zu sehr damit beschäftigt Chouen, Clessier und Fleiry zur Rechenschaft zu ziehen. Zweifellos war das Ganze deren Schuld. Und es hätte ärger ausgehen können. Sonst hätte ich Sie ja auch nicht zum General gemacht, wo Sie zwar ein tapferer Soldat und guter Reiter waren, aber--Sie entschuldigen [meine] Aufrichtigkeit--nicht viel Sinn für Strategie zeigten."
"Strategie war immer mein schwächster Punkt--sofern es wirklich nur ein Punkt ist." "Hahaha; ein guter Scherz! Ein strategisch wunder Punkt kann sich leicht zu einer ganzen Linie ausdehnen--entgegen aller Geometrie! Doch lassen Sie mich jetzt zu meiner Patience. Ich will doch noch einmal die gestrigen Fragen durchgehen, denn die Antworten, die wir erhielten, waren zu unbefriedigend. Ich will übrigens die Frage etwas anders formulieren. Man muss den Karten die Chance geben, ihre Meinung auf achtenswerte Weise zu ändern. Also: Was hätte Blücher getan, wenn ich eine halbe Division von meinem rechten Flügel abgezogen und damit seinen Übergang über den X-Bach blockiert hätte? Wie finden Sie diese Formulierung?"
"Ausgezeichnet, Majestät; besonders dadurch die unvermeidliche Verzögerung durch die Artillerieverschiebung entfallen würde."
"Sie meinen also, dass wir erwarten könnten, dass die Karten diese Frage bejahen? Das ist dann wohl eine Kritik an meiner Führung! Aber ich muss das in Geduld hinnehmen, da ich ja diese Partie doch verloren habe. Das würde auch meinem angeblich gerechtesten Kritiker de Beauvergue recht geben. Er ist ein Esel, wenn er mir vorwirft, dass ich zu oft meinen linken Flügel zu schwach gehalten habe und dadurch den Gegner zu Umfassungsversuchen eingeladen habe. Das ist natürlich Unsinn, denn man kann nicht überall gleich stark sein, und das heisst, dass man riskieren muss, auf einer Stelle schwach zu sein. Hätte de Beauvergue nur für zehn centimeter, für zehn centimes Logik, so hätte er das selbst wissen müssen--er, ein Franzose, wenn auch ein Royalist. Übrigens hat mir das nur in einem einzigen Fall geschadet, eben bei Leipzig. Und das war nicht das Verdienst Blüchers. Der hätte nie eine Schlacht von mir gewonnen, dieser Kriegsgelehrte, der alle Schlachten auswendig wusste, alle Kritiker studiert und jeden Fehler in der Schlachtenlenkung auf dem Plan beweisen kann. Er ist unfähig selbst etwas zu erdenken. Es fehlt ihm Phantasie; er besitzt nicht die Fähigkeit, sich Vorgänge vorzustellen, bevor sie sich tatsächlich ereignen. Aber er ist doch kein Soldat--er hat nicht den Mut anzugreifen. Ganz Sachsen hat ihm damals Spionagedienste geleistet. Unter den unglaublichsten Vorwänden haben sich diese Bauernlümmel an unsere Stellungen heran gepirscht, und haben die krassesten Geschichten erzählt, um dem Hänger zu entrinnen. Ein Soldat, wenn er nur halb so gut informiert ist, als Blücher, wird riskieren anzugreifen; Ein Soldat muss riskieren, das ist taktisch und strategisch gleichzeitig. Freilich, als ich den Übergang über den X-Bach nicht verhindern konnte, musste ich Befehl zum Rückzug geben. Aber nicht Blücher hat diese Schlacht gewonnen, sondern ich habe sie verloren--wir hatten zuviel Pferde und Geschütze in Russland verloren. So, nun habe ich aufgeschlagen, und es sieht ganz gut aus, das heisst: ich meine, es wird ausgehen, womit meine Behandlung der Situation als unrichtig bezeichnet wird. Machen wir also diese Patience zuende. Hier stockt es ein wenig, aber man kann sich bekanntlich erlauben, vorübergehend umgekehrt aufzulegen, in unserem Fall also die Zweier. Es handelt sich nur darum, die Gelegenheit zum Auflegen der Könige nicht zu verfehlen--und hier ist sie. Ja! es geht aus! Wir haben nun drei freie Reihen. Dennoch bleibe ich fest der Meinung, dass unsere russischen Verluste die wahre Ursache sind. Nicht zu vergessen aber ist Blüchers numerische Übermacht, der ich unter anderen Umständen allerdings Herr geworden wäre. Glauben Sie nicht auch, Chairmont?"
"Jawohl, Majestät; Blücher konnte Regimente einsetzen, wo wir nur ein bis zwei Kompanien erübrigen konnten. Und am X-Bach hat er Regimenter opfern können, ohne diese Verluste bedauern zu müssen. Immerhin hat ihm die Tapferkeit unserer Truppen einige harte Nüsse zu knacken gegeben."
"Ich kann nicht umhin hier der taktischen Geschicklichkeit unseres braven Obersten Voilfleur zu gedenken. Ich hätte ihm dafür unbedingt zum Divisionär oder sogar zum Korpskommandanten ernennen müssen, hätte er nicht sein Leben hier verloren. Oh, wie hätte ich solche Leute bei Waterloo brauchen können. Diese Raschheit des Entschlusses, diese Klarheit der Anordnungen, dieser Mut, diese Angriffslust--er war jung und wäre gross worden. Hätte Frankreich gesiegt, er wäre einer unserer Grössen worden. Aber Frankreich ist undankbar. Die Deutschen verehren natürlicherweise ihren Blücher, weil er mit ihnen in ihren Männergesangsvereinen patriotische Lieder gesungen und Bier getrunken hat--pfui! Bier! Wellington, freilich, ist ein anderer Fall. Er ist trocken, aber er ist ein Soldat. Er würde nicht aufhören zu kämpfen auch wenn er nichts anderes mehr hätte, als seine Zähne. Ja, mein kaiserlicher Herr Schwiegervater...! Verlassen Sie sich auf diese treulosen Reaktionäre. Die Preussen werden mich an ihm rächen--das sage ich voraus. Und das ist keiner meiner Scherze und wir wollen die Karten gleich befragen ob diese Prophezeiung bejaht wird..."

Zurück zur Übersicht