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Arnold Schönberg: Verklärte Nacht op. 4 (1899)
Einführung
»Gestern Abend hörte ich die 'Verklärte Nacht', und ich würde es
als Unterlassungssünde empfinden, wenn ich Ihnen nicht ein Wort des Dankes
für ihr wundervolles Sextett sagte. Ich hatte mir vorgenommen, die Motive
meines Textes in Ihrer Composition zu verfolgen; aber ich vergaß das bald,
so wurde ich von der Musik bezaubert.« (Richard Dehmel an Arnold
Schönberg, 12. Dezember 1912) Arnold Schönbergs op. 4 entstand in nur
drei Wochen im September 1899 während eines Ferienaufenthalts mit Alexander
von Zemlinsky und dessen Schwester Mathilde Schönbergs erster Frau
in Payerbach an der Rax. Die Endfassung des Manuskripts ist mit
1. Dezember 1899 datiert.
Das Sujet jener Programmusik, die »sich darauf beschränkt, die Natur
zu zeichnen und menschliche Gefühle auszudrücken« (Schönberg), ist
das Gedicht »Verklärte Nacht« von Richard Dehmel aus der 1896
veröffentlichten Sammlung »Weib und Welt«. Dehmel galt vor
dem Ersten Weltkrieg als einer der berühmtesten deutschen Lyriker, dessen
Hauptwerk »Zwei Menschen. Roman in Romanzen« (1903) Erotik
und Sexualität im Kontext stilistischer Vorstellungen des Jugendstils
thematisierte.
Das erste Hauptstück des »Romans« bildet das bereits früher
erschienene Gedicht »Verklärte Nacht« (in dieser Ausgabe ohne
Titel), welches vom »Pathos einer neuen, unbürgerlichen Geschlechtsmoral
[und] der Idee des alles überwindenden, jede Konvention beiseite schiebenden
Eros« (Hans Heinz Stuckenschmidt) getragen ist. Die fünf Strophen
des Gedichts schildern in inhaltlich klar differenzierten Abschnitten:
eine Waldszene mit zwei Menschen (Nr. 1, 3, 5); die Rede der Frau, die
einen Mann liebt, jedoch von einem Anderen ein Kind erwartet und sich
selbst anklägt (Nr. 2); die Rede des Mannes, der die Frau tröstet und
das Kind des Anderen als sein eigenes annehmen will (Nr. 4). Dehmels Gedicht
besaß einen autobiographischen Hintergrund, als es seine Liaison zu Ida
Auerbach, der schwangeren Ehefrau des Konsuls Auerbach, thematisierte.
Die Tochter aus großbürgerlicher jüdischer Familie spielte in der Beziehung
Stefan George Richard Dehmel Arnold Schönberg eine wichtige
Rolle: George verarbeitete seine unausgesprochene Liebe zu ihr in dem
autobiographisch stilisierten »Buch der hängenden Gärten«,
aus dem Arnold Schönberg später fünfzehn Gedichte als op. 15 vertonen
sollte.
Das Genre Programmusik scheint Schönberg im Jahr vor der Entstehung seines
vierten Opus intensiv beschäftigt zu haben, worauf die fragmentarisch
gebliebenen Kompositionen »Hans im Glück«, »Frühlings
Tod« und »Toter Winkel« (letzteres ebenfalls ein Streichsextett)
hinweisen. Seine beginnende Beziehung zu Mathilde Zemlinsky im Jahr 1899
mag für die spezifische Textwahl als Programm zu op. 4 ausschlaggebend
gewesen sein.
»Verklärte Nacht« stellt in seiner Einsätzigkeit einen Schnittpunkt
zweier Entwicklungslinien in der Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts
dar: der Tendenz zur einsätzigen Sonate (Franz Liszts h-Moll-Sonate gilt
als historisches Modell) und einsätzigen symphonischen Dichtung. Die Formdisposition
in Schönbergs op. 4 folgt weitgehend der literarischen Vorlage, wobei
narrative Segmente (Waldszene) und Binnenabschnitte (direkte Reden) dem
Rondo angenähert sind. Der erste Teil entfaltet in dichter motivischer
Arbeit und epischem Gestus ein Bild der klaren Mondnacht, das im zweiten
Teil durch das Bekenntnis einer Tragödie (das erste Thema knüpft in d-Moll
am vorangegangenen Abschnitt an) einen »dramatischen Ausbruch«
erfährt, wie Schönberg in seinen 1950 veröffentlichten »Programm-Anmerkungen«
zur »Verklärten Nacht« darlegt. Deutlich abgesetzt durch eine
Fermate erklingt danach das zweite Thema in b-Moll, welches Unglück und
Einsamkeit der Frau illustriert. Ein drittes Thema in c-Moll verdeutlicht
den Zwang zur Treue; nachdem die Frau »schließlich dem mütterlichen
Instinkt gefolgt ist, trägt sie jetzt ein Kind von einem Mann, den sie
nicht liebt. Sie hatte ihre Pflichterfüllung gegenüber den Forderungen
der Natur sogar für lobenswert gehalten.« Dieser Abschnitt aus Dehmels
Gedicht wird durch ein viertes Thema in E-Dur gedeutet, dessen Fortspinnung
Figuren aus dem vorher exponierten Material zitiert und zu einer deutlichen
Zäsur führt. Es folgt eine kontrastierende, homogene Passage mit neuen
klangfarblichen Schattierungen als Überleitung zum dritten Formteil, der
das Hauptmotiv des Anfangs wieder aufgreift und im Stil der von Johannes
Brahms etablierten Technik der ‚entwickelnden Variation' weiterformuliert.
Die Rede des Mannes, »dessen Großmut so erhaben ist wie seine Liebe«,
moduliert im vierten Teil in den »äußersten Gegensatz D-Dur«.
Dämpfer und Flageolettklänge drücken in neuen Klangeffekten die »Schönheit
des Mondlichts« aus. Nach Schönberg gibt dieser Abschnitt »die
Stimmung eines Mannes wieder, dessen Liebe im Einklang mit dem Schimmer
und dem Glanz der Natur fähig ist, die tragische Situation zu leugnen«.
Der fünfte Teil erfüllt die Funktion einer Material subsummierenden Coda,
die auf dem nach Dur gewendeten Anfangsmotiv (kontrapunktiert durch das
Hauptthema des vierten Teils) sowie thematischen Bausteinen des dritten
Teils basiert.
Ende 1939 trat der amerikanische Verleger Edwin F. Kalmus mit dem Vorschlag,
eine neue Edition der »Verklärten Nacht« herausgeben zu wollen,
an Schönberg heran. Dieser war unter der Bedingung einer verbesserten
Ausgabe (Änderungen in Dynamik, Strichen, etc.) mit einer Neuauflage in
einer Bearbeitung für Orchester einverstanden. Bereits 1917 hatte Schönberg
von op. 4 für die Universal Edition eine Fassung für Streichorchester
(die erste bekannte Aufführung dieser Fassung fand am 14. März 1918 im
Leipziger Gewandhaus statt) mit einer zusätzlichen Kontrabaßstimme erstellt,
die er jedoch basierend auf den Erkenntnissen vieler Aufführungen
neu gestalten wollte. Da der Vertrag mit Kalmus nicht zustande
kam, trat Schönberg mit Associated Music Publishers in Kontakt. Die Modifikationen
in der Bearbeitung für Streichorchester, welche im September 1943 bei
AMP in New York erschien, betreffen vor allem Dynamik und Artikulation
sowie Tempoangaben. In einem Brief vom 22. Dezember 1942 beschreibt Schönberg
die wesentliche Verbesserung gegenüber der Ausgabe von 1917: »Die
neue Version [...] wird das Gleichgewicht zwischen ersten und zweiten
Violinen einerseits sowie Bratsche und Cello andererseits verbessern und
die Balance der Originalfassung für Sextett mit sechs gleichwertigen Instrumenten
wiederherstellen.«
Therese Muxeneder
© Arnold Schönberg Center
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