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Arnold Schönberg:
Das Verhältnis zum Text
Erstpublikation in: Der Blaue Reiter. Piper: München 1912
Es gibt relativ wenig Menschen, die imstande sind, rein musikalisch zu
verstehen, was Musik zu sagen hat. Die Annahme, ein Tonstück müsse
Vorstellungen irgendwelcher Art erwecken, und wenn solche ausbleiben,
sei das Tonstück nicht verstanden worden oder es tauge nichts, ist
so weit verbreitet, wie nur das Falsche und Banale verbreitet sein kann.
Von keiner Kunst verlangt man Ähnliches, sondern begnügt sich
mit den Wirkungen ihres Materials, wobei allerdings in den andern Künsten
das Stoffliche, der dargestellte Gegenstand, dem beschränkten Auffassungsvermögen
des geistigen Mittelstandes von selbst entgegenkommt. Da der Musik als
solcher ein unmittelbar erkennbares Stoffliches fehlt, suchen die einen
hinter ihren Wirkungen rein formale Schönheit, die andern poetische
Vorgänge. Selbst Schopenhauer, der erst durch den wundervollen Gedanken:
"Der Komponist offenbart das innerste Wesen der Welt und spricht die tiefste
Weisheit aus, in einer Sprache, die seine Vernunft nicht versteht; wie
eine magnetische Somnambule Aufschlüsse gibt über Dinge, von
denen sie wachend keinen Begriff hat", wirklich Erschöpfendes über
das Wesen der Musik sagt, verliert sich später, indem er versucht,
Einzelheiten dieser Sprache, die die Vernunft nicht versteht, in unsere
Begriffe zu übersetzen. Obwohl ihm dabei klar sein muß, daß
bei dieser Übersetzung in die Begriffe, in die Sprache des Menschen,
welche Abstraktion, Reduktion aufs Erkennbare ist, das Wesentliche, die
Sprache der Welt, die vielleicht unverständlich bleiben und nur fühlbar
sein soll, verloren geht. Aber immerhin ist er berechtigt zu solchem Vorgehen,
da es ja sein Zweck als Philosoph ist, das Wesen der Welt, den unüberblickbaren
Reichtum, darzustellen durch die Begriffe, durch die nur allzuleicht zu
durchschauende Armut. Und auch Wagner, wenn er dem Durchschnittsmenschen
einen mittelbaren Begriff von dem geben wollte, was er als Musiker unmittelbar
erschaut hatte, tat recht, wenn er Beethovenschen Symphonien Programme
unterlegte.
Verhängnisvoll wird solch ein Vorgang, wenn er Allgemeinbrauch wird.
Dann verkehrt sich sein Sinn ins Gegenteil: man sucht in der Musik Vorgänge
und Gefühle zu erkennen, so als ob sie drin sein müßten.
Während es sich bei Wagner in Wirklichkeit so verhält: der durch
die Musik empfangene Eindruck "vom Wesen der Welt" wird in ihm produktiv
und regt eine Nachdichtung im Material einer andern Kunst an. Aber die
Vorgänge und Gefühle, die in dieser Dichtung vorkommen, waren
nicht in der Musik enthalten, sondern sind bloß das Baumaterial,
dessen sich der Dichter nur darum bedient, weil der noch ans Stoffliche
gebundenen Dichtkunst eine so unmittelbare, durch nichts getrübte,
reine Aussprache versagt ist.
Ist nun schon diese Fähigkeit des reinen Schauens äußerst
selten und nur bei hochstehenden Menschen anzutreffen, so begreift man,
wie einige den Weg zum Musikgenuß versperrende zufällige Schwierigkeiten
diejenigen, welche unter allen Kunstfreunden den niedrigsten Starndpunkt
einnehmen, in eine üble Situation bringen. Daß nämlich
unsere Partituren immer schwerer lesbar werden, die relativ seltenen Aufführungen
aber so rasch vorbeigehen, daß oft selbst der Sensitivste und Reinste
nur flüchtige Eindrücke empfangen kann, macht es dem Kritiker,
der berichten und beurteilen muß, dem aber meist die Fähigkeit
fehlt, sich eine Partitur lebendig vorzustellen, unmöglich, auch
nur mit jener Ehrlichkeit sein Amt zu versehen, zu der er sich vielleicht
wenigstens dann entschlösse, wenn sie ihm nicht schadet. In absoluter
Hilflosigkeit steht er der rein musikalischen Wirkung gegenüber,
und deshalb schreibt er lieber über Musik, die sich irgendwie auf
Text bezieht: über Programmusik, Lieder, Opern etc. Man könnte
ihm das fast verzeihen, wenn man beobachtet, daß Theaterkapellmeister,
von denen man etwas über die Musik einer neuen Oper erfahren möchte,
fast ausschließlich vom Textbuch, von der Theaterwirkung und von
den Darstellern schwätzen. Es gibt ja wirklich, seitdem die Musiker
gebildet sind und meinen, das beweisen zu müssen, indem sie sich
vor dem Fachsimpeln hüten, kaum mehr Musiker, mit denen man über
Musik reden kann! Aber Wagner, auf den man sich sehr gerne beruft, hat
enorm viel über rein Musikalisches geschrieben; und ich bin sicher,
er würde diese Folgen seiner mißverstandenen Bestrebungen unbedingt
desavouieren.
Nichts als ein bequemer Ausweg aus diesem Dilemma ist es daher, wenn ein
Musikkritiker über einen Autor schreibt, seine Komposition werde
den Worten des Dichters nicht gerecht. Der "Rahmen des Blattes", in welchem
es immer gerade an Raum mangelt, wenn notwendige Beweise zu erbringen
wären, kommt stets bereitwilligst dem Mangel an Ideen zu Hilfe, und
der Künstler wird eigentlich wegen "Mangel an Beweisen" schuldig
gesprochen. Die Beweise für solche Behauptungen aber, wenn sie einmal
erbracht werden, sind vielmehr Zeugen fürs Gegenteil, da sie nur
aussagen, wie einer Musik machen würde, der keine machen kann, wie
die Musik also keinesfalls aussehen dürfte, wenn sie von einem Künstler
sein soll. Das trifft sogar in dem Fall zu, wo ein Komponist Kritiken
schreibt. Selbst wenn's ein guter ist. Denn im Moment, wo er Kritiken
schreibt, ist er nicht Komponist: nicht musikalisch inspiriert. Wäre
er inspiriert, so beschriebe er nicht, wie das Stück zu komponieren
ist, sondern komponierte es. Das geht für den, der’s kann, sogar
schneller und bequemer und ist überzeugender.
In Wirklichkeit kommen solche Urteile von der allerbanalsten Vorstellungen,
von einem konventionellen Schema, wonach bestimmten Vorgängen in
der Dichtung eine gewisse Tonstärke und Schnelligkeit in der Musik
bei absolutem Parallelgehen entsprechen müsse. Abgesehen davon, daß
selbst dieses Parallelgehen, ja ein noch viel tieferes, auch dann stattfinden
kann, wenn sich äußerlich scheinbar das Gegenteil davon zeigt,
daß also ein zarter Gedanke beispielsweise durch ein schnelles und
heftiges Thema wiedergegeben wird, weil eine darauffolgende Heftigkeit
sich organischer daraus entwickelt, abgesehen davon, ist ein solches Schema
schon deshalb verwerflich, weil es konventionell ist. Weil es dazu führte,
auch aus der Musik eine Sprache zu machen, die für jeden "dichtet
und denkt". Und seine Anwendung durch Kritiker führt zu Erscheinungen,
wie zu einem Aufsatz, den ich einmal irgendwo gelesen habe: "Deklamationsfehler
bei Wagner", in dem ein Flachkopf zeigte, wie er gewisse Stellen komponiert
hätte, wenn Wagner ihm nicht zuvorgekommen wäre.
Ich war vor ein paar Jahren tief beschämt, als ich entdeckte, daß
ich bei einigen mir wohlbekannten Schubert-Liedern gar keine Ahnung davon
hatte, was in dem zugrunde liegenden Gedicht eigentlich vorgehe. Als ich
aber dann die Gedichte gelesen hatte, stellte sich für mich heraus,
daß ich dadurch für das Verständnis dieser Lieder gar
nichts gewonnen hatte, da ich nicht im geringsten durch sie genötigt
war, meine Auffassung des musikalischen Vortrags zu ändern. Im Gegenteil:
es zeigte sich mir, daß ich, ohne das Gedicht zu kennen, den Inhalt,
den wirklichen Inhalt, sogar vielleicht tiefer erfaßt hatte, als
wenn ich an der Oberfläche der eigentlichen Wortgedanken haften geblieben
wäre. Noch entscheidender als dieses Erlebnis war mir die Tatsache,
daß ich viele meiner Lieder, berauscht von dem Anfangsklang der
ersten Textworte, ohne mich auch nur im geringsten um den weiteren Verlauf
der poetischen Vorgänge zu kümmern, ja ohne diese im Taumel
des Komponierens auch nur im geringsten zu erfassen, zu Ende geschrieben
und erst nach Tagen darauf kam, nachzusehen, was denn eigentlich der poetische
Inhalt meines Liedes sei. Wobei sich dann zu meinem größten
Erstaunen herausstellte, daß ich niemals dem Dichter voller gerecht
worden bin, als wenn ich, geführt von der ersten unmittelbaren Berührung
mit dem Anfangsklang, alles erriet, was diesem Anfangsklang eben offenbar
mit Notwendigkeit folgen mußte.
Mir war daraus klar, daß es sich mit dem Kunstwerk so verhalte wie
mit jedem vollkommenen Organismus. Es ist so homogen in seiner Zusammensetzung,
daß es in jeder Kleinigkeit sein wahrstes, innerstes Wesen enthüllt.
Wenn man an irgendeiner Stelle des menschlichen Körpers hineinsticht,
kommt immer dasselbe, immer Blut heraus. Wenn man einen Vers von einem
Gedicht, einen Takt von einem Tonstück hört, ist man imstande,
das Ganze zu erfassen. Genauso wie ein Wort, ein Blick, eine Geste, der
Gang, ja sogar die Haarfarbe genügen, um das Wesen eines Menschen
zu erkennen. So hatte ich die Schubert-Lieder samt der Dichtung bloß
aus der Musik, Stefan Georges Gedichte bloß aus dem Klang heraus
vollständig vernommen. Mit einer Vollkommenheit, die durch Analyse
und Synthese kaum erreicht, jedenfalls nicht übertroffen worden wäre.
Allerdings wenden sich solche Eindrücke meist nachträglich an
den Verstand und verlangen von ihm, daß er sie für einen umgänglichen
Gebrauch herrichte, daß er zerlege und sortiere, messe und prüfe,
daß er in jederzeit ausdrückbare Einzelheiten auflöse,
was man als Ganzes besitzt, aber nicht verwenden kann. Allerdings geht
sogar das künstlerische Schaffen oft diesen Umweg, ehe es zur eigentlichen
Konzeption gelangt. Aber es sind Anzeichen vorhanden, daß sogar
die andern Künste, denen Stoffliches scheinbar näher liegt,
zur Überwindung des Glaubens an die Allmacht des Verstandes und des
Bewußtseins gelangen. Und wenn Karl Kraus die Sprache Mutter des
Gedankens nennt, W. Kandinsky und Oskar Kokoschka Bilder malen, denen
der stoffliche äußere Gegenstand kaum mehr ist als ein Anlaß,
in Farben und Formen zu phantasieren und sich so auszudrücken, wie
sich bisher nur der Musiker ausdrückte, so sind das Symptome für
eine allmählich sich ausbreitende Erkenntnis von dem wahren Wesen
der Kunst. Und mit großer Freude lese ich Kandinskys Buch "Über
das Geistige in der Kunst", in welchem der Weg für die Malerei gezeigt
wird und die Hoffnung erwacht, daß jene, die nach dem Text, nach
dem Stofflichen fragen, bald ausgefragt haben werden.
Dann wird auch klar werden, was in einem andern Fall schon klar war. Kein
Mensch zweifelt daran, daß ein Dichter, der einen historischen Stoff
bearbeitet, sich mit der größten Freiheit bewegen darf und
daß, wenn ein Maler heute noch Historienbilder malen wollte, er
nicht genötigt wäre, mit einem Geschichtsprofessor zu konkurrieren.
Weil man sich an das zu halten hat, was das Kunstwerk geben will, und
nicht an das, was sein äußerer Anlaß ist. Weil also auch
bei allen Kompositionen nach Dichtungen die Genauigkeit der Wiedergabe
der Vorgänge für den Kunstwert ebenso irrelevant ist wie für
das Porträt die Ähnlichkeit mit dem Vorbild, wo doch nach hundert
Jahren keiner diese Ähnlichkeit mehr kontrollieren kann, während
noch immer die Kunstwirkung bestehen bleibt. Und nicht deshalb besteht,
weil, wie vielleicht die Impressionisten meinen, ein wirklicher Mensch,
nämlich der scheinbar dargestellte, sondern der Künstler uns
anspricht, der sich hier ausgedrückt hat, der, dem in einer höheren
Wirklichkeit das Porträt ähnlich zu sehen hat. Hat man das eingesehen,
so ist es auch leicht zu begreifen, daß die äußerliche
Ubereinstimmung zwischen Musik und Text, wie sie sich in Deklamation,
Tempo und Tonstärke zeigt, nur wenig zu tun hat mit der innern und
auf derselben Stufe primitiver Naturnachahmung steht wie das Abmalen eines
Vorbildes. Und daß scheinbares Divergieren an der Oberfläche
nötig sein kann wegen eines Parallelgehens auf einer höheren
Ebene. Daß also die Beurteilung nach dem Text ebenso verläßlich
ist wie die Beurteilung der Eiweißstoffe nach den Eigenschaften
des Kohlenstoffs.
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